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Remscheid: „Ham & Egg“ begeistern im Lenneper Rotationstheater

Kultur in Remscheid : Perfekte Pointen und pompöse Kostüme

Das beliebte Travestie-Duo „Ham & Egg“ freute sich über ein Heimspiel im Lenneper Rotationstheater. Das Publikum war von Anfang an voll dabei.

So etwas ist eine eingefleischte Fangemeinde: Als das Intro zum zehnten Programm „Aus Spaß verkleidet“ von Ham & Egg gerade eben verklungen war, kam schon der erste Zugabe-Ruf aus dem Publikum. Dem sollten im Verlauf des Abends noch einige weitere folgen. Keine Frage, das Duo aus Niederkassel, hatte im Lenneper Roationstheater einmal mehr ein Heimspiel. Und die Fans waren treu, schließlich waren coronabedingt tatsächlich bereits zwei Jahre seit dem letzten Besuch vergangen.

„Ich freu mich . . .“, dieser ikonische Ausspruch von Egg, alias Andreas Schmitz, wurde vom Publikum mit Herzblut mitgesprochen. Und Ham, alias Jörg Dilthey, gab das nach ihrer ersten Gesangsnummer – „Keep Smiling“ von der großen Wencke Myrrhe – zurück: „Wir bleiben euch treu in diesem wunderbaren, kleinen Wohnzimmertheater.“

Es war die altbekannte – und ganz offensichtlich extrem beliebte – Kombination aus Musik und Texteinlagen. Dabei teilten die beiden durchaus ordentlich aus. „Zur Minibar sage ich immer Bundestag. Lauter kleine Flaschen, die viel zu teuer sind“, sagte Ham etwa, nur um direkt im Anschluss süffisant an die „gefühlt schon 95 Jahre alte Madonna“ zu schießen: „Wenn sie ihren Rock noch ein bisschen kürzer trägt, braucht sie einen zweiten Lippenstift.“ Diese leicht frivole Art konterkarierte prima mit einem durchaus ernsten Appell nach Toleranz und Offenheit, gefolgt vom emotionalen Lied „Draußen vor der Tür“ und der starken und bewegenden Textzeile: „Ich möchte anders sein, weil ich es bin“.

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Aber Ham & Egg wären nur halb so lustig ohne ihre völlig abgedrehten Kostüme. „Wir mussten backstage wieder einige Wände einreißen, um alles unterbringen zu können“, kommentierte Egg. Und tatsächlich: Das, was die beiden da auf die Bühne brachten, hätte gut und gerne auch aus dem „Alles-nichts-oder“-Fundus von Hella von Sinnen stammen können. Etwa ein rosafarbenes Auto, in dem Egg zum Hans-Blum-Klassiker „Im Wagen vor mir“ über die Bühne groovte, nur um von Ham im himmelblauen Plüschpendant ausgebremst zu werden.

Das Publikum fand es großartig und sang und klatschte fleißig mit – und das war ein Moment, in dem Corona tatsächlich vergessen war, in dem die gute Laune alle unguten Pandemiegedanken fortschwemmte. Wofür man dem Duo letztlich nicht dankbar genug sein konnte.

Die „einfachen“ bunten Glitzerkleidchen, phantasievollen Roben und bis zur Decke hochtoupierten Haare waren fraglos ebenfalls Hingucker. Aber wenn Ham mit einer pompösen Modelleisenbahn um die Hüfte auf die Bühne kam, auf der zum Ende sogar eine kleine Lok ihre Kreise drehte, und ein Lied über die diversen Probleme der Deutschen Bahn sang, war das ganz großes Kino. Dazu kam ein ausgeprägter Wortwitz in den frech umgetexteten Pop-Songs: „Die Hoffnung stirbt zuletzt – im deutschen Schienennetz“ zur Melodie von „Losing My Religion“ von REM etwa, oder „Du bist echt kein Philosoph – dein Deutsch ist echt doof“ zu Take That‘s „How Deep Is Your Love“.

Die Mischung war nach zehn Programmen fraglos bekannt. Aber wie heißt ein Sprichwort: „Never change a winning team“. Und Ham & Egg schafften es nicht nur mit ihren neuen und verrückten Kostümen, eine frische Note in ihr Erfolgsrezept zu mischen. Sondern auch durch perfekt getimte Pointen, wie diese von Egg: „Auch dieses Kostüm ist auf Raten gekauft. Ja, die Schneiderin kann raten, wann sie ihr Geld bekommt.“ Oder, wieder etwas schlüpfrig, aber zum großen Vergnügen des äußerst begeisterungsfähigen Publikums: „Am intelligentesten sind Männer beim Sex. Kein Wunder, denn dann sind sie ja am Hauptrechner angeschlossen.“ Es waren Sprüche wie diese sowie die großartig dargebotenen Songs, die für rund zwei Stunden perfekten Eskapismus‘ sorgten.