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Remscheid: Gefängnisseelsorger bei „Wein & Käse“

Remscheid : Anekdoten aus dem Gefängnis

Pfarrer Rainer Feistauer erzählte Geschichten aus dem Alltag an seinem Arbeitsplatz, der JVA Lüttringhausen.

Kalt war es draußen, ins Gemeindezentrum der Ev. Luthergemeinde waren dennoch rund 100 Besucher zur Novemberausgabe der beliebten Vortragsreihe „Wein & Käse“ gekommen. Das Thema des Montagabends war aber auch sehr interessant. Denn der Gefängnisseelsorger Pfarrer Rainer Feistauer erzählte Geschichten aus dem Alltag an seinem Arbeitsplatz, der Justizvollzugsanstalt Lüttringhausen.

Dass es dabei nicht nur heiter zuging, dürfte auf der Hand gelegen haben. Es war jedoch der unkomplizierten und gelassenen Art Feistauers zu verdanken, der in seinem kurzweiligen Vortrag durchaus den ein oder anderen Schwank aus dem Gefängnisalltag unterbrachte, dass es ein ganz und gar nicht schwermütiger Abend wurde. Seinen Vortrag hatte er mit interessanten und teils stimmungsvollen Impressionen aus der JVA illustriert.

Dabei sei es durchaus angebracht, das eigene Tun zu hinterfragen, sagte der evangelische Geistliche. „Ich zweifle nicht grundsätzlich am Konzept Gefängnis – sonst könnte ich dort gar nicht arbeiten. Aber ich glaube auch nicht, dass wirklich jeder dort rein muss“, sagte er etwa. Und gab dann zu, dass der Aufenthalt im Gefängnis die Sprache der Menschen verändere. „Als ich gerade einmal drei Monate dort arbeitete, sagte meine Tochter im Teenageralter zu mir: ‚Papa, du verwendest in letzter Zeit so viel Fäkalsprache.‘“ Da habe er gemerkt, dass er aufpassen müsse. Gefängnis – das sei eben vor allem eine laute Umgebung, sagte Feistauer: „Da wird nicht leise und feingeistig gesprochen.“ Und so sei es auch ganz normal, dass viele der Insassen einfach Ruhe suchten. Dafür sei etwa die Gefängniskirche gut geeignet. Zusammen mit einem katholischen Kollegen biete er jeden Sonntag einen katholischen und einen protestantischen Gottesdienst an. „Und zusätzlich gibt es regelmäßige Abendandachten. Da kommen dann tatsächlich jene Insassen, die diese Ruhe suchen und brauchen. Das sind teils ganz andere Leute, als jene, die zum Gottesdienst kommen.“ Zusätzlich würde er für seine Klienten auch Meditationsübungen anbieten, mit deren Hilfe Ausgleich vom lauten Alltag gefunden werden könne.

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Eine weitere Eigenschaft eines geschlossenen Vollzugs machte Feistauer an einer nur auf den ersten Blick amüsanten Anekdote eindrucksvoll deutlich. „Ich hatte einmal eine Beerdigung außerhalb des Gefängnisses zu zelebrieren. Als ich gerade draußen angekommen war, merkte ich, dass ich meinen Talar vergessen hatte“, erzählte der Gefängnisseelsorger. Also musste er noch einmal zurück in sein Büro. Und das habe ziemlich lang gedauert und sei durchaus aufwendig gewesen, wie er seinem gespannt lauschenden Publikum erzählte: „Ich habe dann mal mitgezählt: Ich musste exakt 29 Mal Türen schließen, ehe ich meinen Talar schließlich hatte. Das fällt im Alltag gar nicht so auf, ist aber schon beeindruckend gewesen.“ Ebenso habe er bald gelernt, die schweren Türen mit nur möglichst geringem Kraftaufwand zu betätigen. „In den ersten Wochen hat mir der Arm extrem weh davon getan“, sagte er schmunzelnd.

Dass es aber auch hinter Gittern schöne und berührende Momente gebe, habe er auch immer wieder erlebt. Beispielsweise mit seiner Vorliebe für die Fotografie. „Ich knipse im Knast ständig – das weiß da auch jeder“, sagte er. Einmal im Winter sei ein Häftling ganz aufgeregt zu ihm gekommen und habe gesagt, er müsse dringend in den Gefängnishof kommen. „Er sagte, dort sei eine blühende Rose, mitten im Schnee und Reif.“

Er sei dann raus und habe die Rose fotografiert. Für ihn ein deutliches Zeichen. „Das ist für mich ein Zeichen der Hoffnung gewesen“, sagte Feistauer, der für seine Erzählungen viel Applaus der rund 100 Zuhörer im Publikum bekam. Und in der Pause für viel Gesprächsstoff an den Tischen sorgte, auf denen einmal mehr liebevoll Wein und Käse angerichtet standen. Ganz getreu dem Veranstaltungsmotto.