Sorgen wegen Mehrwertsteuer in Remscheid Gastronomen befürchten weitere Schließungen

Remscheid · Corona, Energiekrise und jetzt droht die Rückkehr zur Mehrwertsteuer von 19 Prozent. Die Remscheider Gastronomie ächzt und bangt teils um ihre Existenz.

 Auch Enrico Thies, der Inhaber von Esszimmer 5630, ärgert sich über die Rückkehr zur alten Mehrwertsteuer.

Auch Enrico Thies, der Inhaber von Esszimmer 5630, ärgert sich über die Rückkehr zur alten Mehrwertsteuer.

Foto: Elena Pintus

Entlastung für Gastronomen aufgrund der Corona- und Energiekrise hatte sich die Bundesregierung mit einer Mehrwertsteuersenkung vor zweieinhalb Jahren auf die Fahne geschrieben. Nach einer einmaligen Verlängerung läuft die Entlastung zum Jahresende aber aus. Die Krise sei für die Gastronomie aber noch längst nicht vorbei, sagt der Remscheider Dehoga-vorsitzende Markus Kärst.

„Die Mehrwertsteuer ist für uns ja nicht erst seit Corona ein Thema. Seit 20, 30 Jahren wollen viele in der Gastronomie eine dauerhafte Senkung der Mehrwertsteuer für Restaurantbesuche“, sagt er. Das sei in den meisten anderen europäischen Ländern bereits gängig. Doch in der jüngsten Zeit sei erschwerend hinzu gekommen: „Momentan erleben vor allem Bringdienste einen echten Boom. Take Away-Essen ist im Gegensatz zum Essen im Restaurant zudem nur mit 7 Prozent besteuert. Deshalb können viele Betreiber vor Ort nicht die gleichen Preise anbieten wie bei Abholung oder über den Lieferdienst.“ Durch die Pandemie habe sich der ohnehin aufkeimende Aufschwung der Lieferdienste noch verstärkt, da Restaurants eben nicht geöffnet waren oder nur mit geringer Kapazität. Und wer über nahezu konkurrenzlose Bringdienst-Apps liefern lassen will, muss sich zudem noch mit deren Konditionen arrangieren: Wie etwa die Provision, die die App-Anbieter verlangen.

Das Gesetz für die Besteuerung in der Gastronomie hält Kärst für zu kompliziert. Denn: Die unterschiedlichen Steuersätze ergeben sich ihm zufolge daraus, dass beim Restaurantbesuch auch eine Dienstleistung inbegriffen ist. Immerhin wird das Essen an den Tisch gebracht und Kunden erhalten Besteck und Geschirr, das im Anschluss auch abgewaschen wird. Keine Dienstleistung sei es dagegen, das Essen nur an den Lieferdienst oder den Kunden auszugeben – plus Einweggeschirr und Plastikbeutel. „Davon abgesehen, wie schmal der Grat für die Definition ist, finde ich es auch schwierig, in der heutigen Zeit, wo alles nachhaltig sein soll, so die Produktion von Einwegpackungen und Plastiktüten anzukurbeln“, kritisiert Kärst.

Unter den Remscheider Gastronomen sei die Stimmung in Anbetracht der Lage entsprechend verhalten bis schlecht, so der Dehoga-Vorsitzende: „So wie ich es mitbekommen habe, werden die meisten gezwungen sein, die Mehrwertsteuer auf den Kunden umzulegen.“ Dann wird der Restaurantbesuch also wieder teurer. Und das wahrscheinlich nicht nur um den erhöhten Steuersatz: „Wir hatten einen enormen Kostenanstieg in den vergangenen Jahren, allein an Einkaufspreisen für Lebensmittel.“ Diese hätten viele Gastronomen gar nicht vollständig an die Kunden weitergegeben, sondern lieber auf einen Teil der Marge verzichtet, da es ohnehin durch die zahlreichen Krisen weniger Kunden gab. „Und es kommen weitere Kosten auf uns zu, etwa im Bereich der Personalkosten oder CO2-Steuer.“

Er befürchte, dass Remscheider Gastronomen daher 16 bis 20 Prozent mehr für ihre Speisen verlangen müssten. „Im höherpreisigen Segment wird das weniger Kunden verschrecken als in einem Betrieb, wo ein Gericht von zwölf auf 14 Euro im Preis steigt“, so Kärst: „Was wir in der letzten Zeit gemerkt haben: Die Kunden werden zwar nicht zwingend weniger, aber der Bon wird kleiner.“ Und das könne durchaus das Ende für weitere Gastronomie-Betriebe in Remscheid bedeuten, befürchtet er.

 Markus Kärst ist Dehoga-Vorsitzender in Remscheid.

Markus Kärst ist Dehoga-Vorsitzender in Remscheid.

Foto: Moll, Jürgen (jumo)

Auch Enrico Thies vom Esszimmer 5630 ärgert sich über die Rückkehr zur alten Mehrwertsteuer: „Auch wenn dies de facto eine Rückkehr zum ursprünglichen Mehrwertsteuersatz ist, lässt sich eine Anpassung der Preise betriebswirtschaftlich nicht vermeiden – auch wenn wir aktuell an Lösungen arbeiten, um diese in Grenzen zu halten.“ Neben der nach wie vor fehlenden Kaufkraft der Menschen habe sich die Branche zudem noch nicht von Corona erholt. „Die 19 Prozent auf Speisen werden voraussichtlich viele Betriebe vor große Probleme, oder positiv betrachtet, wenigstens massive Herausforderungen stellen“, sagt er.

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