Remscheid: Familien früher mit Hilfen erreichen

Soziales in Remscheid : Familien früher mit Hilfen erreichen

Egbert Willecke, Leiter des Fachdienstes Jugend, will überprüfen, ob die vielfältigen Angebote auch wirken.

Egbert Willecke, seit fast zehn Monaten Leiter des Fachbereichs Jugend, besuchte am Wochenende eine Aufführung des Mitmach-Zirkus Casselly. „Dort kann man sehen, was Kinder brauchen, um sich zu entwickeln“, sagt Willecke (57). Sie brauchen Vertrauen, ein positives Umfeld und Wertschätzung – dann können sie die Herausforderungen des Lebens gut meistern.

Diese Werte wollen Willecke und die Mitarbeiter im Jugendbereich intensiver vermitteln. „Unser Ziel ist es, die Familien früher zu erreichen“, sagt Willecke. Deswegen betrachtet er die Arbeit unter zwei Gesichtspunkten: Was braucht das Kind? Und mit welchen Maßnahmen werden welche Wirkungen erzielt?

Zu den Ansätzen, die Willecke stärker verfolgen will, gehört der Spracherwerb. In der Kita sollen die Erzieherinnen noch intensiver schauen, welches Kind Förderung beim Spracherwerb benötigt. Die Jugendhilfe will dabei nicht als eine Institution auftreten, die Defizite bemängelt. Sie will Eltern und Kindern Hilfsangebote unterbreiten, die ihnen ermöglichen, sich aus einer Problemlage zu befreien. „Ein Kind, das bei der Einschulung nicht richtig Deutsch sprechen kann, wird es schwer haben“, sagt Willecke. Unnötig schwer.

Individuell zugeschnittene Förderung kann erreichen, dass Probleme gar nicht erst auftauchen, und eine Kettenreaktion von weiteren Schwierigkeiten ausgelöst wird wie Lernstörungen, mangelhafte Integration oder Frustration. Die präventiven Maßnahmen, um Familien so früh wie möglich zu erreichen, fangen bei der Schwangerschaft an. Die Arbeit von Familienhebammen gehört ebenfalls dazu. Willecke möchte Bildungsbiographien positiv begleiten. Er will vermeiden, dass das Jugendamt und die Jugendhilfe erst dann in Erscheinung treten, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Im Zentrum steht das Wohl des Kindes und die Aussicht, im Sozialbereich auf lange Sicht Kosten zu sparen. Je früher die Hilfen, desto geringer die Kosten für die Spätfolgen misslungener Bildungsbiographie, lautet die Logik. Anders ausgedrückt: Durch stärkeres Controlling der eigenen Arbeitsprozesse will die Stadt erreichen, dass die Sozialkosten nicht explodieren. „Wirkungsorientierte Steuerung“ heißt der Fachbegriff für die ständige Überprüfung der Frage, ob öffentliche Gelder optimal im Interesse der Bevölkerung eingesetzt werden.

In Remscheid werden immer mehr Kinder geboren. Die Anzahl wächst auch durch Zuwanderung. Um die Ziele der frühen Familienhilfe zu erreichen, braucht es innerhalb kurzer Zeit mehr Personal. „Wir müssen gute Anreize geben“, sagt Willecke. Zum Beispiel seien günstige Wohnungsangebote durch die Gewag für Auszubildende ein solcher Anreiz, Remscheid als Ausbildungsplatz und Arbeitsort zu wählen. Der Bedarf an zusätzlichen Plätzen in den Kindertageseinrichtungen steigt weiter deutlich an. Zum Kindergartenjahr 2022/2023 werden noch einmal 421 Plätze mehr gebraucht als bislang eingeplant. Das geht aus der jüngsten Übersicht zum Thema „Tagesbetreuung für Kinder“ hervor.

Addiert zu den bislang geplanten (und zum Teil auch bereits realisierten) 702 zusätzlichen Plätzen in Kindertageseinrichtungen kommt die Stadt auf einen Bedarf von insgesamt 1165 Plätzen. „Das ist eine große Herausforderung, die wir annehmen“, sagt Willecke. Mit „wirkungsorientierter Steuerung“ kennt sich Willecke aus. Mit diesem transparenten Prozess hat er sich bereits bei seinem vorherigen Arbeitgeber, der Stadt Hattingen, beschäftigt. Dort verantwortete er die Bereiche Jugend, Sport und Schule. In seinen ersten zehn Monaten lernte er Remscheid als eine Stadt mit sehr guten sozialen Netzwerken kennen. „Hier lässt sich gut arbeiten“, sagt er.

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