Remscheid: Eine Reise in die Nachkriegszeit

30 Jahre Mauerfall : Eine Reise in die Nachkriegszeit

Helmut Epe und einige Mitglieder der Malerinnung Remscheid besuchten kurz nach dem Mauerfall die Stadt Wittenberg. Sie wollten den Kollegen im Osten helfen. Sie stießen auf Reserviertheit.

Es sollte eine Reise in die Zukunft werden, aber für Helmut Epe und seine Malermeisterkollegen entpuppte sich die Fahrt nach Wittenberg kurz nach dem Mauerfall eher als eine Reise in die Vergangenheit. Eine Zukunft mit den Kollegen im Osten entstand nicht.

Die Euphorie nach dem Mauerfall kam 1989 auch bei Paul Halbach an. Der Malermeister engagierte sich im CVJM-Heim in Lüttringhausen und pflegte zu den „Brüdern und Schwestern“ auch im Kalten Krieg freundschaftliche Kontakte. „Der Paul hat seinen CVJM-Freunden in Wittenberg immer wieder Farbe und Material gebracht“, erinnert sich Helmut Epe. Es waren Reisen in die Ostzone, die viele Nerven gekostet haben. Die Grenzsoldaten bauten regelmäßig den Lieferwagen von Halbach auseinander. Aber der Mann aus Lüttringhausen ließ sich nicht entmutigen.

Helmut Epe (81 Jahre) blättert in einem Fotoalbum. „Reise nach Wittenberg 1990“ steht auf dem Rücken des Albums. Er zieht ein Bild heraus, auf dem Halbach neben einer DDR-Grenzschutzbeamtin steht. Beide lachen. Keine Schikanen mehr, sondern strahlende Gesichter. Die Freude über die offene Grenze wirkt berührend, auch wenn die Fotos schon ausgeblichen sind.

Epe, 23 Jahre Obermeister der Malerinnung in Remscheid, ist heute  fast der einzige, der von dem damaligen 12-köpfigen Vorstand noch lebt. Halbach und andere Kollegen sind bereits verstorben.

Wenn er heute seine Eindrücke, untermauert von der Fotosammlung, schildert, formt sich seine Erzählung zu einer Geschichte aus der Nachkriegszeit. „Die hatten nichts da drüben. Das war wie bei meinen Großeltern nach dem Krieg. Alles war verfallen“, erzählt Epe. Und es trafen beim ersten Besuch zwei Handwerkerwelten aufeinander. Die Remscheider erzählten, wie man an einen Auftrag im Westen kommt. Ausschreibung, Kalkulation etc. Die Wittenberger schüttelten den Kopf. Ihr seid Konkurrenten, wir sind Kollegen, hieß es. Ihr messt ein Haus drei Mal aus, bei uns sagt die Genossenschaft, wer welche Straßenseite bearbeitet. Und wenn es keine Farbe mehr gibt, machen alle Feierabend.

Gelbe Eimer mit neuem Werkzeug und gelbe Eimer mit Werbegeschenken brachten die Remscheider Innungsvertreter nach Wittenberg als Gastgeschenke mit. Als die Remscheider ein paar Jahre später noch einmal in die Lutherstadt fuhren, waren bei den Kollegen nur noch die Reklameartikel in Erinnerung geblieben. Und zwar nicht in guter Erinnerung. Im Nachhinein wurden sie abschätzig bewertet, sagt Epe. Haben die Besserwessis die Ossis mit ihren Überlegenheitsgesten gekränkt? Epe überlegt. „Da ist etwas dran“, sagt der 81-Jährige. Man wollte die Leute unterstützen, sich besser kennenlernen, aber der Schuss ist eher nach hinten losgegangen. Nachdem man quasi mit seinen marktwirtschaftlichen Anregungen vor die Pumpe gelaufen war, sagten sich die Remscheider: „Da muss ich nicht mehr hin“. Vielleicht hätte man nicht den nagelneuen Bus nehmen sollen, der in seinem strahlenden Weiß wie ein Ufo vor den bröckelnden Häuserfassaden wirkt.

Vielleicht hätte man länger zuhören sollen, bevor man Ratschläge gibt und Vorträge hält über Akquise und duale Ausbildung. Vielleicht. Vielleicht. Aber es war eine aufregende Zeit, vor 30 Jahren. Und eine unvergessliche Reise.

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