Remscheid: Die Vorleser bevölkern die Altstadt

Festival in Remscheid : Die Vorleser bevölkern die Altstadt

Mit über 30 Veranstaltungen lockte das Lesefestival wieder zahlreiche Besucher an. In diesem Jahr bot das Zentrum von Lennep die meisten Treffpunkte für „Erlesenes“.

Zahlreiche Zuhörer zog es am Wochenende zum dreitägigen Lesefestival in die Innenstadt, nach Lennep und Lüttringhausen. Unter dem Motto „erLesen – Remscheid liest“ trafen sich die Besucher mal zwischen Kleiderständern oder Gitarren, mal im Café oder Museum. Die Geschichten, denen sie begeneten, waren mal gruselig, mal informativ, manche auch humorvoll. An der einen oder anderen Stelle ging es auch musikalisch zu.

Nachdem bereits am Freitag das nunmehr vierte Lesefestival in der Stadt eröffnet wurde, erfuhr die Lenneper Altstadt, Geburtsort des ersten Lesefestivals, vor allem am Samstagnachmittag regen Zulauf: Gleich mehrere der insgesamt über 30 Lesungen lockten hintereinander in diverse Ladengeschäfte des Ortskerns. Viele Zuhörer trafen sich daher auch mehrmals an verschiedenen Orten wieder und grüßten sich grinsend: „Na, auch wieder da?“

Im kleinen Gitarrenzentrum von Kai Heumann etwa hatten sich zehn neugierige Gäste um Vorleserin Ute Schubert versammelt. Während draußen auf dem Alten Markt der herbstliche Regen vom Himmel auf den gepflasterten Platz prasselte und der Wind das Laub hörbar hin und her fegte, las Schubert aus Heinrich Bölls „Irischem Tagebuch“ und entführte ihre Zuhörer mitten auf die Grüne Insel. Schubert verlieh der alten, detailreichen Sprache Bölls ihre Stimme und erzählte von Eindrücken des Autors, der Ende der 50er Jahre Irland bereiste. Gastgeber Kai Heumann selbst beteiligte sich mit seiner Gitarre an der Lesung, untermalte die halbstündige Vorstellung musikalisch in Begleitung von Schubert, die passenderweise dazu an der Bodhrán, einer irischen Rahmentrommel spielte. „Schön“, entfuhr es den Zuhörern nach der letzten gelesenen Passage, ehe es beschwingt zur nächsten Station ging.

Im Spielwarengeschäft „Schatzkiste“ in der Wetterauer Straße warteten die kreativen Autoren der Rosenhügeler Schreibwerkstatt auf ihre Zuhörer: Bei einem Gläschen Sekt machten es sich die hauptsächlich weiblichen Gäste auf den Bänken zwischen dem Sortiment gemütlich und lauschten den heiteren Kurzgeschichten der Freizeitschreiber. Humorvoll und nachdenklich waren ihre Werke, über den Herbst und falsche Eindrücke, über Truthahn und Erinnerungen. Kurzweilig gestaltete sich diese Lesung, die so gut ankam, dass die Autoren gleich nachlegten und deutlich die angedachten 30 Minuten überschritten. Damit waren alle Besucher sehr einverstanden.

Rainer Heuser stellte Kapitel aus seinem Buch im Röntgen-Museum vor. Foto: Moll, Jürgen (jumo)
Ulla Willberg kam mit „Putins Briefkasten“ von Marcel Beyer zum Lesefestival. Foto: Moll, Jürgen (jumo)

Parallel zur Lektürstunde in der „Schatzkiste“ las Physiker und Autor Rainer Heuser aus Lüttringhausen im Röntgen-Museum aus seinem Wissenschafts-Roman, während Ulla Wilberg im „Lesezeichen“ Marcel Beyers „Putins Briefkasten“ vorstellte und aus Dieter Wunderlichs „Unerschrockene Frauen“ das Kapitel über die berühmte Edelprostituierte Rosmarie Nitribitt vortrug, deren Mord nie aufgeklärt wurde. Die Zuhörer hingen gebannt an Willbergs Lippen und staunten über das Leben dieser Frau, die nach ihrem Tod landesweite Berühmtheit erlangte. „Einfach schön, dass es so eine Veranstaltung gibt“, sagte Besucherin Sonja Merlen. „Ich lese selber gerne, lass mir aber auch sehr gerne vorlesen und lerne dabei andere Bücher und Geschichten kennen, auf die ich sicherlich von alleine nicht gestoßen wäre“, äußerte die 38-Jährige zufrieden und zog weiter zur nächsten Lesung ins Modehaus Johann.