Ganztags-Betreuung von Grundschul-Kindern Kinder-Betreuung an Grundschulen: „Die Eltern sind verzweifelt“

Remscheid · Die Platznot an Schulen trifft viele Familien doppelt: Mehr als 40 Prozent aller Eltern, die zum neuen Schuljahr einen Betreuungsplatz für ihr Kind in der Grundschule suchen, muss der Verein „Die Verlässliche“ absagen.

 Gerda und Matthias Spaan stellten in den Räumen von „Die Verlässliche“ Zahlen zur Betreuungssituation vor.

Gerda und Matthias Spaan stellten in den Räumen von „Die Verlässliche“ Zahlen zur Betreuungssituation vor.

Foto: Jürgen Moll/Jürgen Moll (jumo)

Die durch Zuwanderung, Flucht und höhere Geburtenzahlen immer größer werdende Platznot an Remscheids Schulen stellt nicht nur Lehrer und Schulleiter zunehmend vor Probleme. Auch in der Betreuung der Kinder in den Grundschulen vor und nach dem Unterricht schlägt sich die Raumnot deutlich nieder.

„Wir haben 444 Kindern einen Platz geben können. 344 nicht“, berichtete Matthias Spaan, Geschäftsführer des Vereins „Die Verlässliche“, am Freitag in einem Pressegespräch mit Blick auf das bald startende Schuljahr. „Die Verlässliche“ ist zuständig für die Betreuung an 15 Grundschulen. Er gehe davon aus, „dass die anderen OGS-Träger auch Wartelisten haben“ sagte Spaan. „Die Eltern sind verzweifelt, bei uns klingeln ständig die Telefone“, beschreibt der Geschäftsführer die aktuelle Situation. Manche Eltern riefen mittlerweile wöchentlich an, weil sie hoffen, dass sich noch was ändern könnte. Die Not der Eltern sei sehr groß, so Spaan. „Sie wollen wissen, wie es weitergeht und was die Stadt dagegen tut.“

Das fragt sich auch die Vereinsvorsitzende Gerda Spaan. Seit die Stadt im Jahr 2017 ein Gutachten zur Schulentwicklungsplanung präsentiert habe, „sei nichts passiert“. Zwar wird diese Planung wegen einer neuen Bevölkerungsprognose, die Remscheid bis 2043 einen kräftigen Zuwachs prognostiziert, nun noch einmal aktualisiert. Aber, „es hat ja bislang kein Ausbau stattgefunden“, ergänzt Matthias Spaan. Seine Prognose: „Die neue Schulentwicklungsplanung wird einen Mangel beschreiben, der schon lange bekannt ist und der sich nur vergrößert hat.“

Diese Entwicklung sei umso unverständlicher, weil im Haushalt der Stadt Geld für die nötigen Erweiterungsbauten an den Grundschulen oder die Anmietung von Containern zur Verfügung stehe, sagt Matthias Spaan mit Verweis auf eingeplante Finanzmittel in Höhe von 234 Millionen Euro. In dieser Drucksituation sei es nicht nachvollziehbar, warum bei der Stadtverwaltung Bauprojekte an den Gymnasien Vorrang hätten, sagt der Geschäftsführer. Die Not an den Grundschulen sei am größten. „Da stapeln sich die Kinder“, ergänzt seine Mutter.

Mutter und Sohn haben den Eindruck, dass die Grundschulen bei der Stadtspitze „keine Priorität“ haben. Seit 2017 seien nur Pläne gemacht wurden, „es wird aber kein Stein gesetzt“, so Matthias Spaan. Stattdessen lege die Stadt ihren Schwerpunkt „auf Prestige-Objekte“ wie den Rathaus-Anbau oder den neuen Busbahnhof am Ebert-Platz, vernachlässige im Gegenzug aber den Primar-Bereich, kritisiert Gerda Spaan. Dabei müsse das vorrangige Ziel doch sein, die Versorgung der Kinder sicherzustellen. Daran hänge oft auch der Job eines Elternteils. „Frauen müssen Jobs aufgeben oder die Stunden reduzieren.“

Die Gründerin des Vereins „Die Verlässliche“ kann nicht nachvollziehen, warum die Stadt in dieser Notlage nicht vorhandenen leer stehenden Schulraum wie etwa am Berufskolleg an der Stuttgarter Straße reaktiviert. „Es wird Platz gebraucht, es reicht vorne und hinten nicht.“

Dass die Stadt an drei Grundschulen gerade ein Projekt zur multifunktionalen Nutzung von Klassenräumen gestartet hat, bei dem ein Experte Lösungen finden soll, wie der vorhandene Raum besser von Schule und Betreuung gemeinsam genutzt werden kann, hält Matthias Spaan zwar grundsätzlich für eine gute Idee. „Das ein Bestandteil der Lösung, aber es ist nicht die Lösung“, sagt er. Der Prozess werde zudem Zeit brauchen. Seine Mutter wird deutlicher und spricht von einer „Notlösung“.

Die wachsende Platznot in der Ganztagsbetreuung schürt auch Ängste bei den Eltern, einen vorhandenen Platz zu verlieren, etwa weil sich Aufnahmekriterien ändern könnten. „Viele Träger sind in der Not dazu übergegangen, die Bedürftigkeit der Eltern für einen Betreuungsplatz immer neu abzugleichen“, berichtet Matthias Spaan. Manche Eltern können diese Entscheidungen nicht nachvollziehen, bitten um Nachprüfung. Das sei eine große Herausforderung, sagt Spaan. „Deswegen gehen wir an vielen Stellen auch in die Überbelegung.“

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