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Remscheid: Der Wald im Dauerstress

Corona-Krise in Remscheid : Der Wald im Dauerstress

Während der Corona-Krise weichen immer mehr Menschen in die Remscheider Wälder aus. Diese leiden allerdings unter dem Besucherandrang. Revierförster Stephan Nöh ärgert sich vor allem über den vielen Müll am Wegesrand.

Eigentlich freut es Stephan Nöh, dass durch die Corona-Krise ein Aufenthalt im Wald wieder en vogue ist. Das Bild rund um die Eschbachtalsperre, die im Revier des 43-Jährigen liegt, hätte sich der Förster dennoch gerne erspart: „Nach dem langen Osterwochenende war der komplette Rundweg zugemüllt“, schimpft Nöh, der in Remscheid die südlichen und westlichen Waldbereiche verantwortet.

Was den Revierleiter neben dem Müll am allermeisten ärgert: „Es fehlt an gegenseitiger Achtsamkeit.“ Reiter würden keinen Abstand zu Joggern halten, Jogger wiederum keinen Abstand zu Spaziergängern. „Und dann gibt es noch Mountainbiker, die plötzlich aus dem Gebüsch geschossen kommen – ohne Rücksicht darauf, ob vielleicht gerade eine Familie ihren Weg kreuzt.“

Jedoch seien auch Familien mit kleinen Kindern im Wald nicht immer Heilige: Oft sei an den Feuchttüchern neben Bänken zu erkennen, „wo eine Mutter unterwegs ihr Baby gewickelt hat“. All diese Ärgernisse habe es schon vor der Kontaktsperre gegeben. „Doch jetzt ist da eine kritische Masse unterwegs, die deutlich sichtbar macht, welche Selbstverständlichkeiten doch nicht selbstverständlich sind.“

Dass Plastikmüll am Wegesrand nichts zu suchen hat und leere Bierdosen auf einem Hochsitz fehl am Platz sind – „im Prinzip sind das Regeln, die der gesunde Menschenverstand von selbst beachten sollte“. Leider entstehe derzeit der gegenteilige Eindruck: „Es bewegen sich jetzt viele Leute im Wald, die früher nicht zu sehen waren, die sich aber benehmen, als wäre der Wald ihr Eigentum.“ Dabei seien die Wälder Gemeingut. Und selbst das treffe genau genommen nur auf 50 Prozent zu: „Die andere Hälfte des Remscheider Waldes befindet sich in Privatbesitz.“

Was ein anderes Problem darstelle. Denn wo der öffentliche Wald aufhört und privates Terrain beginnt, sei „für Laien in der Regel nur schwer oder gar nicht erkennbar“. Nöh selbst und auch andere Waldarbeiter wissen natürlich, worauf sie zu achten haben: „Es gibt Indizien wie Grenzsteine im Boden oder wildere Abschnitte, die ebenfalls oft ein Hinweis auf privaten Waldbesitz sind.“ Zudem wisse man als Mitarbeiter der örtlichen Forstwirtschaft üblicherweise, was öffentlicher Grund und Waldboden ist. Wer nicht Teil dieses Netzwerks sei, habe indes „meistens keine Kenntnis der Besitzverhältnisse im Wald“. Mit einer aus Sicht des Revierförsters klaren Konsequenz: „Wer nicht weiß, auf wessen Wegen er geht, sollte sich verhalten wie ein Gast.“ Konkret heiße das: „Keinen Abfall zurücklassen und bitte nichts verändern!“ Noch so ein Gesetz, „das momentan leider viel zu wenig beherzigt wird“.

Was auch Menschen auffällt, die keine Forstarbeiter sind, sich aber viel im Wald bewegen. Dazu gehören Franz und Brigitte Causemann: Das Ehepaar lebt im Süden nahe der Baisieper Straße und „nur wenige Schritte von öffentlichen und privaten Waldrevieren entfernt“. Die Wälder, die sie regelmäßig durchstreifen, kennen sie schon seit Jahrzehnten – „was daran liegt, dass wir beide leidenschaftliche Hunde- und Naturliebhaber sind“, sagt Brigitte Causemann. Normalerweise würden sie ihre Spaziergänge machen, „ohne vielen Menschen zu begegnen“. Seit der Corona-Krise habe sich das drastisch geändert: „Egal ob am Tenter Bach oder am Bökerbach – überall sind seit der Kontaktsperre Familien zu sehen, deren kleine Kinder bei schönem Wetter in den Bächen plantschen, während die Eltern auf der Bank sitzen und sich erholen.“

Brigitte Causemann, die bis zu ihrem zehnten Lebensjahr in einem Wuppertaler Forsthaus lebte, hat dafür auch Verständnis: „Ich habe mit meinem Mann zwei Söhne großgezogen und weiß, was Kindern Freude macht.“ Gleichzeitig bange sie aber um die Natur: „Es kann unseren Schutzgebieten nicht guttun, wenn kleine Bäche gestaut werden und sich mitten in der Brutzeit zahlreiche Kinder abseits der Wege in die Büsche schlagen.“

Das besorgt auch Revierförster Nöh: „Der Wald ist ja nicht nur ein Naherholungsgebiet, sondern auch ein Schutzraum für Tierarten.“ Und er sei ein intensiver Arbeitsraum – „nicht nur für uns Forstleute, sondern auch für die privaten Waldbesitzer“. Es wäre auch in dieser Hinsicht „wirklich hilfreich, wenn all die Menschen, die den Wald jetzt neu für sich entdeckt haben, das im Bewusstsein hätten und sich an die Regeln hielten“. Denn schon vor der Krise hätte viele Forstarbeiter „aus Liebe zur Natur deutlich mehr Zeit in die Pflege des Waldes gesteckt, als ihre Verträge es eigentlich vorsehen“. Ebenso hätten viele Privatbesitzer „viel Geld und Energie in ihre Reviere investiert“.

Das gemeinsame Ziel, „klimastabile Mischwälder zu entwickeln und zu erhalten“, sieht Nöh auf der Kippe. Weshalb der Förster bei anhaltenden Verstößen auch den Staat in die Pflicht nimmt: „Wenn sich die Leute im Wald anhaltend daneben benehmen, müssen die Strafen drastischer werden.“ Er hoffe indes, „dass solche Schritte nicht nötig werden und die Menschen von selbst zur Vernunft kommen“. Das wünsche er sich vor allem mit Blick auf das Rauchverbot: „Die Waldbrandgefahr ist wirklich sehr hoch.“