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Remscheid: Der Kleingarten als Fluchtort

Wohlfühloasen in Remscheid : Der Kleingarten als Fluchtort

Diesen Sommer werden wohl viele Remscheider ihren Jahresurlaub coronabedingt in der Heimat verbringen. Glücklich schätzen können sich jene, die einen Garten besitzen – und wenn schon nicht wohnortnah, dann wenigstens in einem der zahlreichen Kleingärtnervereine der Stadt.

Doch die Nachfrage nach den grünen Wohlfühloasen ist nicht erst seit der Corona-Pandemie hoch. Nicht weit vom Schuss, mitten im Herzen Hackenbergs, umgeben von Hochhäusern und kleinen Wohnsiedlungen, befindet sich eine von Remscheids ältesten Kleingartenanlagen. Doch rein äußerlich sieht man den insgesamt 59 grünen Wohlfühloasen des Kleingärtnervereins Lennep-Ost das fast 90-jährige Alter nicht an, denn links und rechts der Max-von-Laue-Straße sprießt und gedeiht es in kräftigen bunten Farben.

Ein wunderschöner Ort, findet Regina Stellmach. Seit 31 Jahren hat die heute 60-jährige Kleingartenbesitzerin schon ihre Parzelle an der Hackenberger Straße. Vor sechs Jahren übernahm sie den Posten der stellvertretenden Vorsitzenden im Verein, aus enger Verbundenheit. Denn ein Leben ohne Grün, ohne eigens angebaute Gurken, Kartoffeln und Tomaten sowie wohlduftende Blumen, konnte sich die gebürtige Schlesierin bei ihrem Umzug in den 80er-Jahren nach Lennep nicht vorstellen.

„Aus meiner Kindheit und Jugend kannte ich es nicht anders. Wir haben immer alles selber angebaut“, erzählt sie munter. Das nötige Know-how über Anbau und Ernte brachte sie daher gleich mit. Einen besonderen Stellenwert habe ihr kleines Idyll während des Lockdowns nicht bekommen, obwohl ihr zu dieser Zeit – im Gespräch mit einer Arbeitskollegin – ihr Glück bewusster wurde: „Ich wäre verrückt geworden, wenn ich nur in der Wohnung gewesen wäre.“ Im Kleingartenverein konnte sie das Chaos der Welt und die Pandemie für einige Stunden vergessen.

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Auch Joachim Wilk (71) empfindet seinen Garten, den er schon seit 28 Jahren hegt und pflegt, als Glück. Der Rentner, der seit acht Jahren den Verein als Vorsitzender anführt, verbringe ohnehin viel Zeit auf der Anlage, sagt er. Doch in diesem Jahr, habe er festgestellt, waren auch alle anderen Pächter in der ersten Jahreshälfte viel häufiger in ihren Gärten. „Vor allem für unsere vielen Familien mit Kindern, die ja lange keine Schule hatten, war der Garten ein guter Fluchtort.“

Der Großteil der Pächter wohnt in unmittelbarer Nähe zur Anlage, entweder in den Hochhäusern oder den angrenzenden Siedlungen. Spätaussiedler, Deutsch-Russen und Polen haben hier ihr kleines Idyll erschaffen, ziehen sich ihre eigenen Kräuter und Salate. Den Generationenwechsel, erzählt Wilk, habe der Verein bereits in den vergangenen Jahren hinter sich gebracht: „In den acht Jahren, in denen ich hier Vorsitzender bin, habe ich 36 Gartenübergaben gehabt. Das ist mehr als die Hälfte aller Gärten.“ Langjährige Pächter gaben altersbedingt und schweren Herzens ihre kleine Oase auf, junge Familien mit Kindern rückten dankend nach. In Lennep-Ost gibt es derzeit und schon seit vielen Jahren keine freien Parzellen. „Vor Corona standen bei uns sieben bis acht Leute auf der Warteliste. Von März bis Juni sind zwölf Interessenten dazu gekommen“, berichtet der Vorsitzende: „Mit der Pandemie kam praktisch jede Woche eine neue Anfrage.“

Das Besondere an der Anlage in Lennep-Ost, sagen die Vereinsvorsitzenden, sei die zentrale Lage im Stadtteil, „unser super Spielplatz“, fügt Stellmach lächelnd hinzu, „und die Parkplätze vor der Tür“. Denn auch Besucher führte es vor der Pandemie gerne und häufiger zur Anlage. Das Vereinsheim, das seit 2018 keinen eigenen Pächter mehr hat, wurde vor der Pandemie gerne für Familienfeiern genutzt. Aktuell wird es aufwendig und hauptsächlich in Eigenregie der Vereinsmitglieder renoviert und hergerichtet. Ab Januar wird das Heim dann einmal die Woche kostenfrei der Tafel für ihre Ausgabe zur Verfügung gestellt. Denn ihr bisheriges Domizil im Evangelischen Gemeindehaus auf der anderen Straßenseite steht zum Verkauf.

In den vergangenen Jahren, berichtet Wilk zudem, seien die Anforderung gestiegen. Die Vereine müssten aktuell viel mehr Verwaltungsarbeit leisten, als noch vor zehn, 20 Jahren. „Das ist mittlerweile ein echter Vollzeitjob geworden“, bedauert Stellmach. „Jemand mit Familie, der auch noch voll im Berufsleben steht, würde gar nicht die Zeit dafür finden“, meint die stellvertretende Vereinschefin.