Remscheid: Bekenntnisse eines Geflüchteten

Internationale Lesereihe: Bekenntnisse eines Geflüchteten

Der Schriftsteller Ilija Trojanow las vor zahlreichen Gästen in der Stadtbücherei aus seinem Buch „Nach der Flucht“.

Der Schriftsteller Ilija Trojanow ist ein weltgewandter Mann, ohne dabei aristokratisch-weltmännisch zu wirken. Weiche Basstöne lassen seine Stimme angenehm erklingen. Das graue Haar hat er jugendlich nach hinten gekämmt. Freundlich und offen blickt er ins Publikum, manchmal blitzt ein schelmisches Lächeln in seinen Augen. Ein Intellektueller ohne intellektuelles Gehabe. Ein Geistesmensch, der ohne Sport nicht leben könnte. Ein Schriftsteller, der sich mit schlanken Sätzen und tiefschürfenden Worten mit den Dingen der Welt auseinandersetzt. Auf ernste, aber nicht verbohrte Weise.

Er strahlt eine große Liberalität aus, bezieht aber auch deutlich Stellung bei gesellschaftlichen Themen. Den Abend mit Ilija Trojanow im Obergeschoss der Zentralbibliothek an der Scharffstraße verlässt man klüger als man gekommen ist. Das kommt in Remscheid nicht so häufig vor.

Der Schriftsteller Trojanow ist ein Geflüchteter, ein Wanderer zwischen den Welten, der im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie aus Bulgarien floh und über Jugoslawien und Italien nach Deutschland kam. Danach lebte er in Nairobi, Bombay und Kapstadt, heute wohnt er in Wien. In seiner Lesung in der Reihe „Internationale Lesereihe“ stellte er vor zahlreichen Zuhörern Auszüge aus seinem Buch „Nach der Flucht“ vor.

Nur wenige Passagen in dem Buch beruhen auf persönlichen Erlebnissen. Vielmehr ist sein Schreiben ein gehobenes Nachdenken über Fluchterfahrungen, die unzertrennlich zur Persönlichkeit eines Geflüchteten gehören. Und er findet Formulierungen, die auch bei Menschen ohne Fluchterfahrung verfangen. „Multiples Dasein“, „dynamische Identität“ gehören zu den Begriffspaaren, die die Prägungen auf den Punkt bringen wollen.

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Eine Sprache, sagt Trojanow, der Vielsprachige, könne man nicht wechseln. Höchstens adoptieren. Dass der gebürtige Bulgare die deutsche Sprache adoptiert hat, bereichert das Deutsche. Bei Trojanow blitzen immer wieder Wortschöpfungen auf, voller poetischer Qualität. Flüchtlinge müssen in ihrem Leben warten, warten, warten. Auf Essen, auf Kleidung, auf Papiere, auf Anerkennung, auf fast alles. Sie lernen „ohne Geduld zu warten.“

Trojanows Prosa über Flucht zählt nicht zu den humorfreien Zonen mit Opferpathos. Das ist angenehm. Mit Wortwitz schildert er, wie er die ewiggestrigen Fragen wie „Wo sind denn ihre Wurzeln?“ für immer erledigen kann: „Ich bin kein Baum.“ Und Akzent sei für ihn „die Handschrift der Zunge und ein Schönheitsmal auf der Sprachhaut.“ Während der beiden kurzweiligen Stunden zeigte sich Trojanow als Meister des abschweifenden Denkens. Er plädierte für ein Gesetz, wer des Deutschen nicht mächtig sei, dürfe kein Nationalist werden. Eine feine Klinge gegen all die Hassmails ohne Punkt und Komma und jenseits grammatikalischer Grundregeln. Er findet künstliche Intelligenz besser als natürliche Dummheit. Für den weißen Mann, den letzten Erben des Kolonialismus aus dem 19. Jahrhundert, sieht er die Felle wegschwimmen. Der weiße Mann will nur ungern teilen, sagt Trojanow. Das sei in seinen Augen irgendwie verständlich, aber unvermeidlich.

Seinen Eltern ist Trojanow dankbar, dass sie in den 1970er-Jahren aus dem Ostblock geflohen sind. Es sei doch besser, die große Welt kennenzulernen als nur das kleine Bulgarien.

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