1. NRW
  2. Städte
  3. Remscheid

Remscheid: Auf der Suche nach einer Fläche für ein Tiny House

Tiny Houses im Bergischen Land : Der große Traum vom kleinen Zuhause

Zwei Remscheiderinnen wollen in der Region in einem Tiny House sesshaft werden, werden aber bei der Suche nach einem geeigneten Grundstück nicht fündig.

Nina und Stephanie sind verzweifelt: Seit Monaten suchen die beiden Freundinnen, 38 und 54 Jahre alt, nach einem Grundstück, auf dem sie ihre Tiny Houses aufstellen können – bislang ohne Erfolg. Und das, obwohl sie ihr Anliegen in den sozialen Medien veröffentlicht und Menschen direkt angesprochen haben, herumgefahren sind in Remscheid, in Wuppertal, in Solingen.

„Das Frustrierende ist, dass man autark, minimalistisch und nachhaltig leben möchte, so wie es die Zukunft erfordert. Aber überall werden einem Steine in den Weg gelegt“, beklagen Stephanie und Nina die Situation. Sie würden sich Unterstützung von der Stadt und den Kommunen wünschen. Denn im Gegensatz zu den USA, wo der Trend der Miniholzhäuser auf Rädern eigentlich herkommt, dürfen die Tiny Houses hier nicht einfach irgendwo abgestellt werden. Der Grund: das deutsche Baurecht.

„Das Tiny House wird baurechtlich als Gebäude definiert. Aus diesem Grund gelten im Großen und Ganzen die gleichen Voraussetzungen wie für ein normales Wohnhaus“, erklärt der Cronenberger Architekt Edgar Benfer. „Der Bau- beziehungsweise in diesem Fall Stellplatz muss über eine öffentliche Verkehrsfläche erschlossen sein. Zudem müssen die Vorgaben der Bauordnung eingehalten werden, etwa Mindestabstände zum Nachbarn. Die optische Gestaltung muss sich in das Gesamtbild einfügen“. Mal eben ein Tiny House auf einem großen Privatgrundstück abstellen – das geht nicht. Laut Baurecht ist zum Beispiel auch die Bebauung in die Tiefe der Grundstücke nur bis zu einem bestimmten Abstand zur Straße erlaubt. Was bedeutet, dass auch viele Gartengrundstücke alleine aus diesem Grund nicht infrage kommen“, weiß Benfer.

  • Corona in Remscheid : Inzidenzwert erstmals wieder über Landesdurchschnitt
  • Patrick Franziska bei Olympia 2021 (Archiv).
    Tischtennis-WM : Patrick Franziska souverän weiter – Nina Mittelham schon raus
  • Kunststoffröhrchen mit Corona-Abstrichen für einen PCR-Test
    Coronavirus in Remscheid : Stadt meldet zwei weitere Todesfälle

„Wir kommen da echt an unsere Grenzen. Das ist alles so absurd und überhaupt nicht nachzuvollziehen“; erklärt Stephanie, die sogar ein eigenes kleines Grundstück direkt an der Panoramatrasse besitzt, aber auch dort keine Stellgenehmigung bekommt. „Es könnte alles so schön sein, und stören würden wir auch niemanden. Gerade in Zeiten, in denen überall Wohnungsmangel herrscht, sollten die Städte da mal etwas tun und Menschen unterstützen, die nachhaltig und zukunftsorientiert leben möchten.“

Die Idee, Wohnraum zur Miete gegen ein Minieigenheim einzutauschen, hatten beide selbstständigen Unternehmerinnen unabhängig voneinander schon lange. „Für uns soll das auch eine Altersvorsorge sein. Außerdem möchten wir unsere Häuser auch vermieten, wenn wir selber auf Reisen sind. So möchten wir anderen zukunftsorientiertes Wohnen nahe bringen und zum Umdenken bewegen. Zudem lebt man eigenverantwortlich und hat keine Vermieter“, erklärt Nina.

Stephanie kann dem nur zustimmen. „Außerdem lebt man dort günstig. Selbst wenn das Tiny House vielleicht 40.000 Euro kostet, hat man in der Regel kaum eine höhere monatliche Belastung als rund 500 Euro – und es ist nach zehn Jahren abbezahlt. Natürlich kommen da noch die Kosten für das Grundstück, Strom und Wasser hinzu. Aber unser Ziel ist es, irgendwann mal komplett autark, also von selbst produziertem Strom zu leben.“

Mittlerweile gibt es über ganz Deutschland verteilt bereits richtige Tiny House-Dörfer. Im Städtedreieck und auch im ganzen Bergischen Land dagegen scheint der Wohntrend noch nicht angekommen zu sein. Aber selbst wenn – weder eine solche Ansiedlung noch ein Stellplatz auf einem Campingplatz mit Wohnnutzungsrecht kommen für Nina und Stephanie in Frage. „Wir würden am allerliebsten alleine beziehungsweise zu zweit leben“, erläutert Stephanie. „Das heißt: Jeder natürlich in seinem eigenen Tiny House.“

Beide Frauen lieben das Reisen, beide haben viele Monate, mitunter auch Jahre im Ausland verbracht. Und so soll es auch künftig sein: Stephanie plant die Wintermonate „irgendwo, wo es schön ist“ zu genießen, Nina die Sommermonate. Das kleine Tiny House soll der heimatliche Anker sein, an den man immer wieder zurückkehren kann, in die Nähe von Freunden und Familie. Am liebsten sei ihnen ein Platz ganz im Grünen („Lennep wäre schön“) oder auf einem landwirtschaftlichen Hof.

„Auch Bauernhöfe sind baurechtlich gebunden, dürfen allerdings für Mitarbeiter Wohnraum zur Verfügung stellen“, weiß Architekt Benfer. „Hier könnte es sich tatsächlich lohnen, genauer hinzuschauen.“

Denn: Für beide Frauen ist klar: Mitarbeit wäre kein Problem, im Gegenteil. „Wir haben beide langjährige Erfahrung mit Work and Travel, das ist super“, schwärmt Stephanie, „Das ist ein Win-win-Situation für alle. Aber hier sind wir offen für vieles: Gegen Hand, gegen Pacht oder einfach kaufen oder mieten.“

Eine weitere Möglichkeit, ein Grundstück oder eine Pachtfläche zu finden, sieht Architekt Benfer darin, bewusst nach kleinen Grundstücken Ausschau zu halten. „Große Flächen können immer schnell und teuer veräußert werden. Mit den kleinen, mitunter winzigen Flächen, die sich für eine gewöhnliche Bebauung nicht eignen, sieht das ganz anders aus.“ Er empfiehlt, gezielt nach stark sanierungsbedürftigen, unbewohnten Häusern Ausschau zu halten. „Mitunter werde die nicht abgerissen, weil die Besitzer nicht wissen, was sie dann mit dem Grundstück machen sollen. Hier könnte sich vielleicht ein Gespräch ergeben, das für beide Seiten konstruktiv enden könnte.“