Remscheid: Auf der Jagd nach Versicherungsbetrügern

Remscheid : Auf der Jagd nach Versicherungsbetrügern

Rainer Wacob ist Sachverständiger. Sein Spezialgebiet: Schäden an Möbeln und Bodenbelägen.

Rainer Wacob lebt von seinem prüfenden Blick: Seit fast seit 20 Jahren ist der Raum- und Möbel-Experte als Sachverständiger unter anderem im Bergischen Land unterwegs. Etliche Fälle von Versicherungsbetrug hat der routinierte Fachmann dabei aufgedeckt.

„Wenn ich höre, dass die Nachbarin zum Kochen vorbeigekommen war, dann geht bei mir die rote Lampe an“, sagt Rainer Wacob (63) beim Treffen im Restaurant des Möbelhauses Knappstein. Den Möbel-Häuptling hat er als Treffpunkt gewählt, weil es auch hier, bei Remscheids führendem Möbelhändler, über die Jahre hinweg einiges für ihn zu tun gab. Dabei sei es nicht um Versicherungsschäden gegangen, die beim vermeintlich gemeinsamen Kochen entstanden sind: „Hier drehte sich fast alles um mutmaßliche Mängel, die Kunden nach der Lieferung von neuen Teppichen oder Polstermöbeln beanstandeten.“ Weil die Hersteller der industriell gefertigten Heimtextilien und Möbeln den Sachverhalt in der Regel anders sehen, kommt dann Wacob mit seinem Fachwissen ins Spiel: „Häufig stellt sich dann heraus, dass der mutmaßliche Mangel gar keiner ist, sondern eine typische Eigenschaft eines Stoffes oder Möbelmodells.“

Als relativ unkompliziert bezeichnet Wacob diese Fälle - anders als jene, bei denen er als Spezialist für die Versicherungswirtschaft auch Sachkriminalität aufspürt. „Dabei denke ich gar nicht an die vielen kleinen Schummeleien, die bereits Sachkriminalität sind – selbst wenn die Leute das anders empfinden.“ Eher hat der Gutachter Schäden im Hinterkopf, „bei denen beispielsweise ganze Bodenbeläge ruiniert wurden, weil angeblich eine Kerze umgekippt ist und den Teppich verbrannt hat“. Wenn er so etwas hört, wird Wacob hellhörig. Dann stellt er die beschriebene Situation nach: „Bei so einem Fall will ich ganz genau wissen, welche Kerze es war, welchen Durchmesser sie hatte und bis wohin sie abgebrannt war. Denn neun von zehn Kerzen gehen aus, wenn man sie aus größerer Höhe herunterfallen lässt.“

Also nimmt Wacob eine neue Kerze, zündet sie an, lässt sie gemäß der Beschreibung abbrennen und herunterfallen: „Dabei nehme ich in Kauf, dass das Material eventuell noch einmal beschädigt wird.“ Was nicht problematisch sei: „Man kann eine tote Sau schließlich nicht zweimal töten“, sagt Wacob und lässt durchblicken, was passiert, wenn sich eine Geschichte als nicht plausibel herausstellt: „Dann fallen die Reaktionen durchaus unangenehm aus, und man ist auch nicht vor Aggressionen gefeit.“

Weshalb der gebürtige Wuppertaler, der mittlerweile in Bad Neuenahr lebt, es trotz seiner jahrelangen Erfahrung als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Raum und Ausstattung bisweilen sinnvoll findet, einen Termin zu zweit wahrzunehmen: „Das schützt nicht nur vor Aggressionen. Bei großen und schwierigen Schäden hilft es auch, sich seiner Sache ganz sicher zu sein.“

Mit den meisten Fällen kommt Wacob jedoch alleine klar. Vor allem mit Sengschäden kennt sich der gelernte Raumausstatter inzwischen bestens aus: „Das liegt am aktuellen Trend zum Wasserpfeife-Rauchen, der sich nicht nur in den Großstädten ausgebreitet hat.“ Weil mit den Shishas „nicht nur Tabak, sondern auch gewisse Substanzen konsumiert werden“, komme es bei den Konsumenten daheim immer häufiger zu solchen Schäden: „Da fällt die heiße Kohle auf den Teppich, auf das Parkett oder die Polster, ohne dass es jemand merkt.“ Auch in den Sisha-Bars würden immer mehr Schäden auftreten, „weil angeheiterte Kunden nicht mitbekommen, wie sie die Sofa-Bezüge oder Kissen der Barinhaber versengen.“ Ein typischer Haftpflichtschaden sei das dann, mit dem sich die Besitzer der Bars zunächst an die betroffenen Besucher wenden und diese dann wiederum an ihre Versicherung.

Ähnlich schadenreich würden auch Grillfeste verlaufen, auf denen viel Alkohol geflossen ist: „Irgendwann schickt mich die Versicherung dann hin, um zu überprüfen, welchen Schaden der Gast mit der heißen Kohle vom Grill auf den Polstern der Gartenmöbel des Gastgebers tatsächlich angerichtet hat.“ Meistens könne er dann nur noch einen Totalschaden feststellen, „weil sich versengte Polster nicht reparieren lassen“. Was manch einen Versicherungsnehmer dazu verführe, Sengschäden zu konstruieren: „Bisweilen liegt die Vermutung nahe, dass es gar kein Grillfest gegeben hat. Da war dann jemand seine alten Polsterbezüge leid und hofft, mit Nachbars Hilfe und dessen Haftpflichtversicherung an ein paar neue Bezüge zu kommen.“

Nicht immer könne man das aufdecken: „Es braucht nur einen vermeintlichen Zeugen, und schon wird die Sache schwierig.“ Doch manchmal nütze einem Anspruchsteller auch ein Zeuge nichts: „Ich hatte da etwa mal eine Situation mit zwei älteren Damen. Die eine behauptete, das Sofa der Gastgeberin mit der heißen Asche ihrer Zigarette verbrannt zu haben.“ Er habe sie dann gebeten, sich so hinzusetzen, wie sie angeblich gesessen habe, und eine Zigarette zu rauchen. „Die Dame nahm die Zigarette in die linke Hand und zündete sie an. Das Brandloch war jedoch auf der Seite der rechten Hand.“ Zudem sah Wacob, dass der Schaden nicht durch Glut, sondern durch einen Reinigungsfehler der Besitzerin entstanden war. Geschichten dieser Art habe er so zahlreich erlebt, dass er hiermit mittlerweile problemlos ein Buch füllen könne. „Und manch eine meiner erlebten Episoden wurde bereits im privaten Fernsehen abgedreht.“