Remscheid: Angeklagter Ex-Rocker ergreift vor Gericht lautstark das Wort

Remscheid : Angeklagter Ex-Rocker ergreift lautstark das Wort

Üblicherweise sind Gerichtsverhandlungen eine ernste Sache. Zuweilen allerdings mangelt es dort nicht an Unterhaltungswert.

Im Prozess gegen ein wegen Zwangsprostitution angeklagtes, ehemaliges Mitglied der Osmanen Germania wurde man am achten Verhandlungstag zum unfreiwilligen Zeugen von Szenen einer nicht zustande gekommenen Ehe. Etwa 70.000 Euro hatte eine damals 18-Jährige im Bordell verdienen sollen, in das sie der Remscheider geschickt haben soll, um die Hochzeit bezahlen zu können.

Nun saßen sich beide erneut und wohl eher unfreiwillig gegenüber. Die Frau war eigentlich nur gekommen, um die sie belastenden Aussagen einer Zeugin zu entkräften. Die wiederum war nicht erschienen, nachdem sie vom Richter am vorherigen Verhandlungstag mit sofortiger Haft als Folge einer Falschaussage konfrontiert worden war. Das Attest eines „Arztes für Akupunktur“, der ihr eine schwere Depression attestiert hatte, sorgte für Kopfschütteln.

Eigentlich wäre die Beweisaufnahme danach geschlossen worden, wäre da nicht dar Versuch des Angeklagten gewesen, noch weitere Entlastungszeugen aus der Rocker-Szene laden zu wollen. Die hätten aus seiner Sicht bestätigen können, dass das mit der Zwangsprostitution schon deshalb nicht sein könne, weil sich die Frau schon zuvor diesen Männern für Geld angeboten habe. Nach den eigenen Beziehungen gefragt, wurde es beim Angeklagten undurchsichtig. Mehrmals nach islamischem Recht verheiratet und wieder geschieden. Diverse Beziehungen, teilweise zeitgleich – man konnte sich eigentlich nur dem Kommentar des Richters anschließen: „Über ihre Frauengeschichten habe ich den Überblick verloren.“ Die angeblich für Sex zahlenden Osmanen werden auch nicht kommen. Der Angeklagte wusste weder Namen noch Adressen, deshalb konnte dessen Anwalt keinen Antrag auf Zeugenvernehmung stellen.

„Ich bin kurz davor, meine Entpflichtung zu beantragen“, ließ der Verteidiger das Gericht wissen. Zuvor hatte der Angeklagte lautstark das Wort ergriffen und darum gebeten, der Zeugin Fragen stellen zu können. Ohne Absprache mit seinem Anwalt und dazu reichlich unsortiert. Warum er nur sie und nicht seine anderen Frauen zur Prostitution gezwungen haben soll? Warum sie den Account auf einem Internetportal, auf dem sexuelle Dienste angeboten werden, erst kurz vor der Trennung eingerichtet hat? Am Ende gab’s Tränen beim Opfer und einen in seinem Redeschwall nicht enden wollenden Angeklagten. Ob es so gelingt, die erstinstanzliche Strafe von einem Jahr und acht Monaten abzuwenden, bleibt abzuwarten.

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