Inklusion in Remscheid : Beim Tanzen geht es nie um Grenzen

Ursula Wieber bietet in ihrer Tanzschule einmal in der Woche einen Tanzkurs für Menschen mit Behinderung an. Der ist besonders fröhlich und authentisch.

Langsamer Walzer. Die getragene Musik schallt über die Lautsprecher durch den Tanzsaal. Tia und Julia beziehen Aufstellung. Sie kichern kurz fröhlich, werfen dann einen Blick in den riesigen Spiegel, kichern noch mal und dann setzen sich ihre Füße in Bewegung. Takt für Takt schweben die beiden Mädchen strahlend über das Parkett. Sie spüren den Rhythmus, freuen sich sichtlich über die Bewegung und die Musik.

„Es muss nicht jeder Schritt stimmen“, sagt Ursula Wieber, die selbst mit zwei Teilnehmern den langsamen Walzer tanzt, „darauf kommt es gar nicht an.“ Die Tanzlehrerin sieht die Möglichkeiten, nicht die Grenzen. Und die jungen Frauen und Männer, die Dienstagsabends am Tanzkursus für Menschen mit Behinderung teilnehmen, freuen sich sichtlich über die Möglichkeiten in der Tanzschule.

Über den riesigen Spiegel, die Musikanlage, den Platz. „Den langsamen Walzer tanzen wir immer zur Entspannung“, erklärt die Remscheider Tanzlehrerin und ermutigt ein Paar, weiter seine Runden zu drehen. Als die Musik verklingt, schallt ein Ruf durch den Saal: „Und jetzt die Wunderkerzen.“ Ursula Wieber lacht und weiß Bescheid. Schließlich gehört der Schlager von Jürgen Drews nicht erst seit gestern zu den Lieblingsliedern der Gruppe. Sie programmiert den Computer und schon ist Discofox gefragt. Flotten Schrittes zeigen die Teilnehmer ihr Können – mit allen Schikanen. „Jugendliche haben in der Tanzschule oft Hemmungen“, sagt Ursula Wieber. Ein Hüftschwung wird nur schüchtern und vorsichtig gewagt, vor allem die Jungs mögen den Spiegel nicht.

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Bei der Tanzgruppe am Dienstagabend ist das anders: Nicht nur Julia und Tia genießen es, der engagierten Tanzlehrerin jede Bewegung mit großem Einsatz nachzumachen. Das sind die Erfolgsmomente, über die sich Ursula Wieber jede Woche freut. „Es sind die kleinen Schritte, die in diesem Kurs den Erfolg ausmachen“, sagt sie. Strahlende Gesichter, Rollstuhlfahrer, die zu Tanzpartnern werden, Square Dance, der plötzlich reibungslos funktioniert.

Als Jürgen Drews schließlich zum Refrain ansetzt, stimmen die gut aufgelegten Tanzschüler mit ein: „Wenn die Wunderkerzen brennen, und die Sterne schlafen gehen.“ Auf dem Parkett herrscht jetzt Feststimmung. Als die letzten Takte verklingen, erinnert die Tanzlehrerin ihre Schüler daran, dass es noch viel zu tun gibt. Schließlich übt die Gruppe für eine Aufführung bei der Weihnachtsfeier der Lebenshilfe. Die Kursteilnehmer tanzen in Formation – und das will gelernt sein. „Eisenbahn“, ruft Ursula Wieber, als alle wieder vor dem großen Spiegel stehen. Und schon beginnen Hüften und Arme zu rollen. „Jetzt rudern“, ruft die Tanzlehrerin. Und dann setzen sich die Schultern in Bewegung. Dazu ein Hüftschwung, ein Lachen und der Tanz ist perfekt.

Nach einer Stunde ist die Musik zu Ende und die Teilnehmer machen sich auf den Heimweg. „Ursula ist die beste Tanzlehrerin, die es gibt“, ruft ein junger Mann und verabschiedet sich mit einer Umarmung. Die Tanzlehrerin lacht.

„Die Teilnehmer gehen hier meistens zufrieden und selbstbewusst raus“, sagt sie und freut sich über diesen Erfolg, der schon fast
40 Jahre währt. Die damalige Leiterin der Lebenshilfe nahm Ende der 1970er-Jahre an einem Paar-Kurs in der Tanzschule teil und brachte die Idee mit. Ursula Wiebers Schwiegereltern zogen mit, schufen 1980 das Angebot und freuten sich über die Resonanz.

Später übernahm dann Ursula Wieber – aus Überzeugung. „Jeder, der will, sollte die Tanzschule besuchen dürfen“, war und ist ihre feste Überzeugung. Sie erlebte Eltern, die es nicht fassen konnten, dass ihre Kinder plötzlich in der Öffentlichkeit der Tanzschule willkommen waren. Und Teilnehmer, die auf dem Parkett über sich hinauswuchsen. Inzwischen bietet sie auch einen Tanzkursus bei der Lebenshilfe in Lennep an und zudem einen in Wermelskirchen – aber der Dienstagabend gehört Julia, Tia und ihren Kollegen.