1. NRW
  2. Städte
  3. Remscheid

Prozess in Wuppertal: Klageflut gegen Remscheider

Prozess in Wuppertal : Klageflut gegen Remscheider

„Ich war es nicht!“ Das wiederholte ein Remscheider vor dem Landgericht Wuppertal bei jedem einzelnen der zehn Anklagepunkte, die sich Dezember 2019 innerhalb von drei Tagen im Remscheider Stadtgebiet angesammelt haben sollen.

Vorgeworfen wird dem 40-Jährigen vorsätzliche Körperverletzung in acht und Bedrohung in zwei Fällen.

„Ich war es nicht“: Auch ein in den Zeugenstand geladener Streifenpolizist bestätigte, dass er sich diese Aussage jedes Mal vom Angeklagten habe anhören müssen, wenn er mal wieder zu Vorfällen gerufen worden war. Allein bei ihm seien zwischen zehn und 15 Begegnungen zusammengekommen. Der Angeklagte hatte unbekannte Passanten ohne Grund oder aus nichtigen Anlässen erst verbal und dann auch körperlich angegriffen – wobei dies Gott sei Dank über zwei Ohrfeigen und einen Tritt ans Bein nicht hinausgegangen sein soll.

Zu den Opfern gehörte eine Passantin, die ihm an einer Bushaltestelle keine Zigarette geben wollte. Und ein damals Zwölfjähriger, der ihm mit einem Döner in der Hand im Kaufland am Hauptbahnhof wohl nur im Weg stand. Der Döner flog durch die Luft und die Polizei durfte danach die geröteten Abdrücke der Hand auf der Wange des Opfers im Foto festhalten.

Auf Nachfrage des Richters nach dem Verbleib des Döners bedauerte der kleine Zeuge schmunzelnd: Nein, der wäre leider nicht mehr zu gebrauchen gewesen. Dass der Angreifer dann mit einer Handbewegung ein Regal Sprühsahne im Supermarkt abräumte und einer studentischen Aushilfskraft kräftig auf die Schulter schlug, passte in den Ablauf eines missglückten Nachmittags. Dazu noch der Streit mit drei Halbwüchsigen und mit der Kassiererin, die er aufs Gröbste auf Russisch als „dumme Kuh“ beschimpft und obszön bedroht haben soll. Sie verwies ihn deshalb empört an eine andere Kasse. Ein Missverständnis? Wohl kaum, denn Russisch war auch ihre Muttersprache.

Auf Diebestour war er im Drogeriemarkt, wo er einen Rasierpinsel für 7,59 Euro einsteckte oder auch im Rewe, wo er eine Eiscreme-Packung hatte mitgehen lassen, die er angeblich schon vorher bei Aldi gekauft haben wollte. Die große Klammer in allen Fällen war ohne Zweifel der Promille-Pegel, der auch aus Sicht der Ermittlungsbeamten jedes Mal die Bremsen löste.

Mit 17 und dem Abitur in der Tasche war der Deutschstämmige mit der Familie und großen Hoffnungen aus Kasachstan nach Remscheid übergesiedelt. Danach lief alles aus dem Ruder, die psychotischen Störungen nahmen zu. Entscheidend für den Prozessverlauf wird wohl das Urteil des Sachverständigen sein, der ihn bereits vor Jahren mehrfach begutachten musste.