Remscheid: Politisches Kabarett 2.0 mit Philip Simon

Remscheid: Politisches Kabarett 2.0 mit Philip Simon

Kabarettist Philip Simon nahm in der Lenneper Klosterkirche die politische Landschaft auseinander. Der gebürtige Niederländer teilte seine Verzweiflung mit dem Publikum - und zauberte das Grauen in die Gesichter.

Philip Simon hat eine Meise. Und davon gleich die ganze Gattung. Um nur einige zu nennen: Die Kohlmeise - sie glaubt, dass Mutti Merkel die Verkörperung Helmut Kohls sei , die Trauermeise - sie ist SPD-Mitglied, die Blaumeise - sie säuft, die Schmuckmeise - sie zittert vor der Erbschaftssteuer, und sogar die A-Meise - sie glaubt, sie gehöre nicht dazu. Simon hat sie alle versammelt in seinem "Meisenhorst", dem kollektiven Oberstübchen der Nation, das keine Obergrenze kennt.

Es sieht so aus, als horte hier ein politischer Kabarettist das schillernde Kaleidoskop seiner Neurosen, mit denen er nicht mehr fertig wird. "Ich bin selbst die Chefmeise mit den meisten Vögeln", sagt er und trägt eine (Phantasie-)Uniform als Autoritätszeichen, um zu zeigen, dass er recht haben will.

Bei einer derartigen merkwürdigen Konstruktion bleibt der Humor auf der Strecke. Und das scheint Simon zu beabsichtigen. Die bloße Erwähnung eines Namens - wie etwa den des Gesundheitsministers Jens Spahn - entlockt dem gut gefüllten Saal der Klosterkirche zynisches Gekicher. Zusammen mit einigen abgedrehten Metaphern wie dem "Pissflecken auf der Hose eines extreme Kneipenparolen rufenden Betrunkenen als Zeichen des Widerstandes" muss das reichen für den Humor der Besucher.

Simon ist schon angekommen beim "Politischen Kabarett 2.0": Allein das Auseinandernehmen unserer realen politischen Landschaft zaubert das Grauen in die Gesichter der Leute. Seine Realitäten sind glänzend analysiert. Etwa: Hasstiraden im Internet à la Beatrix von Storch zu einem arabischen Tweet der Kölner Polizei dienen nur dazu, die perfekte Grundlage einer Diktatur zu schaffen: Bist Du einer von uns oder keiner von uns? Oder: Hinter Alexander Dobrindts Forderung nach einer "konservativen Revolution" stecke die "Sehnsucht der Orientierungslosen nach einer Leitkultur, die die eigenen Vorurteile zum Vorbild erhebt".

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Bei Simon bringt die Nennung der Realität dasselbe Entsetzen hervor wie ein makaberer Witz. Er hetzt anhand der Artikel 7, 5, 10, 44, 25, 12, 4 und 1 durch das Grundgesetz und schreibt die Ziffern kunstvoll hintereinander auf eine Tafel. Am Ende stellt er sie auf den Kopf und heraus kommt "Meisenhorst" - das Grundgesetz wird zum Zaun für Simons Oberstübchen.

Darüber scheint er nicht hinwegzukommen. Und so teilt er seine Verzweiflung mit den Besuchern in der Klosterkirche und macht ein gesamtes Programm daraus.

Am besten zum dreimaligen Besuch: zum Verstehen, zum Lachen, zum Aufschreien. Fragt sich, was mehr anregt: Das hintergründige politische Kabarett der alten Schule mit Werner Finck, Wolfgang Neuss, Dieter Hildebrandt oder eben das krasse politische Kabarett 2.0. Der Beifall am Ende hielt sich in Grenzen.

(begei)