Peter Kuhn: Wortgewaltig und klangverliebt

Bergische Symphoniker : Wortgewaltig und klangverliebt

Zehn Jahre lang leitete Peter Kuhn die Bergischen Symphoniker als Generalmusikdirektor. Eine Würdigung.

Am 9. Mai 2014 verstummte die Musik im Teo Otto Theater. Mitten in Schumanns vierter Sinfonie hörten die Bergischen Symphoniker auf zu spielen. Stille. Irritation. Verstörung. Der Generalmusikdirektor Peter Kuhn drehte sich um und sagte: „So klingt ein Orchester, wenn es nicht mehr spielt.“

Vorgestern Abend dirigierte Kuhn Schumanns erste Sinfonie. Sein letztes Konzert als GMD. Gut fünf Jahre später braucht keiner mehr zu fürchten, dass das Orchester aufhört zu spielen. Nicht morgen und nicht übermorgen. Ohne Kuhn wäre diese Gewissheit nicht möglich gewesen. In der größten Existenzkrise der Symphoniker, befeuert von einer Ratsmehrheit kulturferner Politiker, hat Kuhn Haltung bewiesen und das Kunststück fertig gebracht, auch in schweren Zeiten seine Musikerinnen und Musiker immer wieder zu ermuntern und darin zu bestärken, zu tun, was sie am liebsten tun: zu musizieren. Auf hohem Niveau.

Kuhn hätte auch hinschmeißen können. Sein erster Vertrag lief aus. Und die damalige Oberbürgermeisterin Beate Wilding versteckte sich vor ihm. Das war gegen alle Regeln des Respekts und der Höflichkeit. Kuhn ließ das Orchester nicht im Stich. Das hätte er als unfair und egoistisch empfunden. Ein GMD verlässt nicht das sinkende Schiff. Kuhn verkörpert Integrität und Verlässlichkeit, sowohl im wie auch außerhalb des Konzertsaals

Ob Rumpf oder Stepp, Schneider oder Süß, Seifried oder Pfund – von allen GMDs der vergangenen Jahrzehnte war Kuhn fraglos der gebildetste, klügste und eloquenteste. Musik hat für ihn eine geistige Dimension. Und nur wenigen ist es wie ihm gegeben, die richtigen Worte zu den Tönen zu finden. Wer mehr weiß über die Komposition und den Komponisten, der hört auch besser. Er gab Einführungen in komplizierte Werke mit musikalischen Beispielen. Das Erstaunen war häufig groß. Kuhn brachte den Zuhörern Musik näher, ohne ihr Geheimnis zu beschädigen. Seine rasant sprudelnden Sätze, meist mit humorvollen Einschüben versehen, bezeugten, wie sehr er in der Welt des jeweiligen Werkes zu Hause war. Von seiner immensen Belesenheit schwärmen auch die Musikerinnen und Musiker. Der erste Konzertmeister Mihalj Kekenj formulierte es so: „Er kannte den entlegensten Briefwechsel des Komponisten und hat uns immer über die Noten hinaus Inspiration gegeben.“

Kuhn zählt zu den Dirigenten, die sich akribisch vorbereiten. Und in den Proben wird ihm eine gewisse Ungeduld nachgesagt, die auch mal unangenehm sein kann. „Sie war meistens nicht unbegründet“, sagt Kekenj. Berüchtigt sind seine Zettel. Mancher Musiker fand vor dem Konzert in Remscheid einen kleinen Hinweis an seinem Notenpult, seine Partie im Vergleich zum Konzert am Vorabend in Solingen doch etwas anders zu spielen.

Seine musikalischen Vorlieben liegen in den Werken des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Konsequent streute er Kompositionen abseits des Repertoires ein. Neugierde auf unbekannte Klänge prägte seine Programmauswahl. Kuhn zählt nicht zu den Dirigenten, die das Publikum im Sturm erobern. Er gehört aber zu den musikalischen Leitern, die durch ihr sicheres Gespür für Klangqualität begeistern können. In den besten Momenten – und davon gab es viele – öffneten er und seine Musiker eine kleine Himmelspforte, und der Zuhörer schwebte in einer anderen Umlaufbahn.

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