Remscheid: Persönliche Erinnerungen erzählen mehr als blanke Zahlen

Remscheid: Persönliche Erinnerungen erzählen mehr als blanke Zahlen

Zum "Tag der Archive" berichteten zwei Zeitzeugen im Remscheider Stadtarchiv von ihren Erlebnissen in den Nachkriegsjahren.

REMSCHEID Es sind nicht unbedingt schöne Erinnerung. Aber es sind wichtige Erinnerung an Erlebnisse, die eine ganze Generation prägten. Und mit dem Abstand der Jahre können Hans Euler (88 Jahre) und Werner Kürschner (87) auch manchmal sogar mit einem Lachen an die ersten Nachkriegsjahre zurückdenken. Zum neunten bundesweiten "Tag der Archive" berichteten sie am Sonntag im Remscheider Stadtarchiv als Zeitzeugen von der Lebensrealität der späten 1940er-Jahre.

Archivleiterin Viola Meike hatte zum diesjährigen Motto "Demokratie und Bürgerechte" eine Ausstellung zum Thema "Von der Diktatur zur Besatzung: Die frühe Nachkriegszeit in Remscheid" erarbeitet, die von der Not, dem Hunger und dem Leid der Menschen mit Fotos und historischen Dokumenten erzählt. Doch viel wichtiger seien Zeitzeugen, die von ihren persönlichen Erlebnissen erzählen. "Wir haben das große Glück, dass die beiden darüber sprechen", betonte die Archivarin. Bei Hans Euler weckte die Ausstellung sofort lebendige Erinnerungen, etwa an den Tag der Besatzung durch die Amerikaner, den 15. April 1945. "Das war ein Sonntag. Georg zur Hellen übergab im Namen der Stadt das Gebiet an die Amerikaner. Die kamen von Wermelskirchen über das Eschbachtal nach Remscheid", erinnert er sich zurück. Euler war erst 15 Jahre alt, lebte mit seiner Familie in einem fast ausgebombten Haus in Loborn und kannte zur Hellen, der von den britischen Alliierten zu Remscheids Oberbürgermeister ernannt wurde, persönlich.

"Wir hatten damals Angst vor den Amerikanern. Wir kannten ja nur die braungefärbte NS-Propaganda. Wir waren überrascht, wie freundlich und loyal die waren", erzählt er weiter. Wenn sich ein Kind oder Jugendlicher beim Spielen mit den Waffen oder anderen Überbleibseln der Wehrmacht verletzte, leisteten die Amis erste Hilfe. Werner Kürschner arbeitete sogar für sie. Am Kontrollposten in der Gerstau dolmetschte er. Dafür bekam er 40 Zigaretten, Frühstück, Kuchen und Essen für den Abend. "Damit konnte ich meine Familie mitversorgen", sagt er. Denn Essen war ein kostbares Gut. "Wie wir den kalten Winter 1947 überlebt haben, weiß ich gar nicht mehr", sagt Euler.

Erst mit der englischen Besatzungsmacht sei der Ton rauer geworden, erinnern sich die Senioren zurück. Angst habe man vor den befreiten, russischen Zwangsarbeitern gehabt, die am Clemenshammer lebten und viel plünderten. Mit der Ausgangssperre habe man am Stadtrand weniger Probleme gehabt. Ins Zentrum ging man ohnehin nicht. Von der Alleestraße bis zur Südstadt hin sei alles vollkommen zerstört und deshalb viel zu gefährlich gewesen, berichtet Hans Euler. Aber die Männer erinnern sich auch an die Wiederaufbauarbeiten, das schwierige Verhältnis mit den Ost-Flüchtlingen, die Handelsgeschäfte mit Werkzeug gegen Lebensmittel oder daran, wie alte SS-Uniformen umgefärbt wurden.

Viola Meike wünscht sich, dass mehr Zeitzeugen von ihren Erinnerungen berichten, sie vielleicht aufschreiben und dem Archiv zur Verfügung stellen. "Das Persönliche macht die Zeit viel erfahrbarer, als es Zahlen oder Fakten tun können."

(RP)