Ansichtssache : Ein paar Utopien braucht die Stadt

Wollen die Stadtplaner wirklich, dass in 20 Jahren die Menschen so wie heute noch ins Allee-Center mit ihrem eigenen Auto fahren? Eine betrübliche Vorstellung.

Eine Stunde Zeit bekommen wir in der Nacht zum Sonntag geschenkt. Wenn die Züge in den Bahnhöfen stehen und der Nachtbus an der Haltestelle wartet, könnte man beginnen, von einer neuen Mobilität in Remscheid zu träumen, sie neu zu denken. Verbannt aus dem Hinterkopf ist dabei die Frage: Wer soll das bezahlen?

Im nächsten Jahr soll mit dem Umbau des Ebert-Platzes begonnen werden. Das Mobil-Center der Stadtwerke zog schon mal ins Allee-Center, um näher an den Kunden zu sein. Die Vorstellung, dass diese beiden Veränderungen beim Thema Mobilität die einzigen Impulse in den nächsten 15 bis 20 Jahren sein werden, wirkt betrüblich.Muss man nicht größer denken? Fortschrittlicher? Remscheid wird keine Fahrradstadt werden. Auch wenn die E-Bikes auf dem Vormarsch sind. Berge bleiben Berge. Aber könnte Remscheid nicht zu den ersten Großstädten gehören, in deren Kernbereich es keinen Autoverkehr mehr gibt? Zu den Großstädten gehören mit der besten Luft und dem geringsten Lärm? Parkplatzsuche im Lenneper Altstadtkern, Parkuhren an der Konrad-Adenauer Straße – alles Vergangenheit. Wollen die Stadtplaner denn wirklich, dass in 20 Jahren die Menschen so wie heute noch ins Allee-Center mit ihrem eigenen Auto fahren? 20 Jahre vergehen schnell. Heute müssten die ersten Überlegungen angestellt werden für eine Mobilität der Zukunft. Schöner Traum.

Reizvoll klingt auch die Vorstellung, dass der Öffentliche Nahverkehr für alle Bürger kostenfrei wäre. Einsteigen in den Bus, aussteigen aus dem Bus. Fertig. Keiner muss sich Gedanken machen, wie er von A nach B kommt. Alle zehn Minuten fährt der Bus. Wie entspannt könnte das mobile Leben sein? Ein solcher Schritt wäre ein wirkliches Umsteigen in eine neue Zeit. Ein echter Service für die Bürger und eine gute Tat für die Umwelt. E-Busse hätten die Flotte der alten Dieselstinker natürlich schon lange ablöst. Und wozu braucht man noch ein Auto, wenn der Bus überall hinfährt? Zumindest der Zweitwagen in der Familie wäre überflüssig. Das neue Mobil-Center müsste schließen. Keiner braucht mehr Fahrscheine.

„Wovon sollen wir träumen?“ sang das Duo Frida Gold am Sonntag im Teo Otto Theater. Träume stammen aus dem Reich der Utopien und stehen nicht auf der Tagesordnung von Haushaltsplan-Beratungen oder Aufsichtsratssitzungen der Stadtwerke. Utopien sind wie Regenwolken am Himmel. Man braucht sie, denn ohne Wasser gibt es kein Leben. Regen hat Remscheid ausreichend. Ein paar Utopien kann die Stadt vertragen.

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