Remscheid: Misshandlung: Urteil fällt heute

Remscheid : Misshandlung: Urteil fällt heute

Im Verfahren wegen Kindesmisshandlung wurden gestern die Plädoyers gehalten. Ein Jahr und zehn Monate forderte der Staatsanwalt für die Mutter des vier Jahre alten Max, die wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt ist.

Für die 21-Jährige soll das Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen, die Strafe soll zur Bewährung ausgesetzt werden. Dem damaligen Lebensgefährten wurde die schwere Misshandlung des Jungen vorgeworfen. Für den 24-Jährigen forderte die Staatsanwaltschaft sieben Jahre und sechs Monate Freiheitsentzug. Die Kammer will am heutigen Nachmittag das Urteil verkünden.

Den Plädoyers vorausgegangen war die Anhörung der psychiatrischen Gutachterin, die eine ausführliche Expertise zur seelischen Verfassung der Angeklagten abgeliefert hatte. Die Mutter des kleinen Max, in der Kindheit und Jugend geschlagen und sexuell missbraucht, hatte als Tochter einer schwer alkoholkranken Mutter schon früh Verantwortung übernehmen müssen. Von Selbstzweifeln geplagt, habe sie sich in der Beziehung zu ihrem Lebensgefährten nicht durchsetzen können.

Als dieser ihren Sohn in eine Badewanne mit kaltem Wasser setzte, habe sie im Schlafzimmer geweint. Als er den Jungen an den Füßen durchs Treppenhaus trug, soll sie mit den Händen vor dem Gesicht hinterhergegangen sein. "Die Angeklagte reagiert konfliktvermeidend und devot. Sie ordnet sich unter und war nur schwer in der Lage, ihr Kind zu schützen", berichtete die Gutachterin von dem, was die Mutter des misshandelten Jungen ihr erzählt habe. Ich bin nichts, ich tauge nichts, ich habe kein Glück verdient: Das seien selbstschädigende Gedanken, von denen sich die junge Frau habe leiten lassen. "Die Schädigung des Kindes ist vor diesem Hintergrund als Selbstbestrafung zu verstehen", so die Gutachterin.

Auch der wegen Kindesmisshandlung angeklagte Lebensgefährte habe ihr von Gewalterfahrungen in der Kindheit berichtet. Seine mit der ADHS-Erkrankung ihres Sohnes offenbar überforderte Mutter habe Kochlöffel auf seinem Rücken zu Bruch gehen lassen. Er selbst habe aus dem Erlebten den Schluss gezogen, dass es ihn nicht zerstört, sondern härter gemacht habe. Kinder würden nun mal Regeln brauchen: Das sei die Erziehungsmaxime des Angeklagten. "Das ist wie bei der Hundedressur, man muss auch mal streng sein", habe der Mann gesagt.

Der habe sehr rigide Vorstellungen vom Umgang mit Kindern, die er auch in der Begegnung mit dem Sohn seiner Lebensgefährtin umgesetzt habe. Dazu gehörte nach all dem, was beim Prozess geschildert wurde, offenbar auch, den Jungen mit dem Kopf ins Essen zu drücken. Hatte der Junge ins Bett gemacht, habe der Mann sich vorgeführt und nicht respektiert gefühlt. "Der Angeklagte fühlte sich dadurch provoziert. Das ist eine typische Dynamik bei Kindesmisshandlung", stellte die Gutachterin klar. Die Täter würden die Realität verzerrt wahrnehmen und könnten nicht realisieren, dass ein kleines Kind zu bösartigen Provokationen gar nicht fähig sei. Die Sachverständige diagnostizierte eine dissoziale Persönlichkeitsstörung mit psychopathischen Zügen, aus der sich dennoch keine verminderte Schuldfähigkeit ableiten lasse.

Was das Tatgeschehen betrifft, gibt es aus Sicht der Staatsanwaltschaft keinen Zweifel daran, dass der Angeklagte den Jungen mit dem Kopf auf den Boden geworfen und ihm damit lebensgefährliche Verletzungen zugefügt habe. Für dessen Verteidiger schien die Beweislage nicht eindeutig zu sein, er forderte den Freispruch seines Mandanten und für den Fall der Verurteilung eine mildere Strafe.

(RP)
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