Mikrozensus verunsichert Remscheider

Teilnahme ist Pflicht : Mikrozensus verunsichert Remscheider

Vor der Erhebung von IT NRW kann sich keiner drücken. Für die Ausgewählten ist die Teilnahme Pflicht.

Die Post, die Diana Martin-Martinez vergangene Woche ins Haus flatterte, ließ die 37-jährige Pflegefachkraft zunächst völlig ratlos zurück. Das Stichwort „Mikrozensus 2019“ hatte die Remscheiderin noch nie gehört. Damit steht sie nicht alleine da. Überall, wo sie nachfragte, erntete die Briefempfängerin aus der Diederichsstraße Stirnrunzeln, verbunden mit der Befürchtung, dass es sich um eine betrügerische Masche handeln könnte. In Zeiten, in denen sich Trickbetrüger mit dubiosen Begründungen Zugang zur Privatsphäre verschaffen, dachte auch Diana Martin-Martinez nicht an eine seriöse Erhebung.

Doch die Ankündigung von IT NRW (dem ehemaligen Statistischen Landesamt) ist echt. Jeder hundertste Haushalt in Nordrhein-Westfalen wird angeschrieben. 80.000 Haushalte, ausgewählt nach einem mathematischen Zufallsverfahren, müssen Angaben zur Person, Familie, Schule, Ausbildung, Arbeit und Wohnverhältnisse machen. Um die 450 Remscheider sind dieses Jahr betroffen.

„Wer ausgewählt wird, darf sich nicht entziehen, die Teilnahme ist gesetzliche Pflicht“, betont IT NRW-Pressesprecher Leo Krüll. Beim Landesamt weiß man freilich aufgrund täglicher telefonischer Nachfragen, dass die repräsentative Befragung von Haushalten den Wenigsten geläufig ist. Besonders schrillen die Alarmglocken bei dem Satz im Anschreiben: „In den nächsten Tagen wird sie ein Interviewer aufsuchen und im Auftrag die Befragung durchführen.“

Eine kurzfristige Besuchsankündigung hatte auch Diana Martin-Martinez erhalten. Dabei ging in dem vom Präsidenten von IT NRW unterzeichneten Schreiben etwas unter, dass die Auserwählten die Wahl haben: Sie müssen niemanden in ihre Wohnung reinlassen, können stattdessen den zu beantwortenden Fragenkatalog anfordern und selbst ausfüllen.

„Der Vorteil ist, dass niemand in die Wohnung kommt, der Nachteil, dass die geschulten Interviewer vor Ort mit ihrem Laptop die Befragten schneller durch die Fragen lotsen“, erläutert Leo Krüll. Die Interviewdauer beträgt, je nach Haushaltsgröße, zwischen zehn und 30 Minuten. Ehe man sich alleine durch den Dschungel von maximal 202 Fragen gefuchst hat, vergeht deutlich mehr Zeit.

350 zur strikten Geheimhaltung verpflichtete Interviewer sind landesweit unterwegs und können sich per Ausweis legitimieren. Sie arbeiten ehrenamtlich, erhalten aber eine kleine Aufwandsentschädigung. Der Mikrozensus existiert bundesweit seit 1957. Er liefert Daten zur Bevölkerungsstruktur wie zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bevölkerung.

„Die Ergebnisse sind für Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit unverzichtbar“, heißt es in dem Anschreiben. Die meisten Fragen müssen ausgefüllt werden, einige sind auf freiwilliger Basis. Die einprozentige Flächenstichprobe wird in den jeweiligen Haushalten in fünf aufeinander folgenden Jahren bis zu viermal nach dem im Mikrozensusgesetz festgelegten Merkmalen befragt.

Zweifel nach der Rechtmäßigkeit ließen Diana Martin-Martinez auch bei der Polizei vorstellig werden. Mit dem Interviewer hat sie sich mittlerweile auf eine andere Weise als über den Hausbesuch verständigt, nämlich per Telefon. Ein Vorgehen, das IT NRW so nicht propagiert: „Unsere Experten raten davon ab, es zumindest beim ersten Mal telefonisch zu machen“, meint Leo Krüll. Das wiederum konnte Diana Martin-Martinez nicht wissen.

Die Unterlagen in den Papierkorb zu schmeißen, wäre keine Lösung. Wer seine Mitarbeit verweigert, dem droht ein Zwangsgeld von um die 300 Euro. „Mit der Zahlung kaufen sie sich dann auch nicht frei“, fügt der Pressesprecher hinzu. Das Land bleibt hartnäckig, kassiert so lange, bis auch der letzte Bogen ausgefüllt ist.

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