Remscheid: Lebensträume zerbrechen wie Glas

Remscheid: Lebensträume zerbrechen wie Glas

"Die Glasmenagerie" von Tennessee Williams wurde am Samstagabend vor vollem Haus im Teo Otto Theater aufgeführt.

Bestimmt spielte der Name der großen Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach eine Rolle: Denn ob Tennessee Williams' fraglos grandioses Stück "Die Glasmenagerie" auch in einer anderen Inszenierung als der Thalbachs die Zugkraft gehabt hätte, das Teo Otto Theater an diesem bitterkalten Samstagabend praktisch auszuverkaufen, darf getrost bezweifelt werden.

Gelohnt hat sich der Weg durch die sibirische Kälte hin zum warmen Theater auf jeden Fall. Denn das, was das vierköpfige Ensemble da in den zweieinhalb Stunden auf die Bühne brachte, war ganz große Theaterunterhaltung. Und das Publikum durfte sich mit Anna Thalbach, der Tochter der Regisseurin, in der Rolle der Mutter Amanda Wingfield nicht nur über zwei von drei Thalbach-Frauen an diesem Abend freuen, sondern erlebte mit deren Darbietung der zwischen Verzweiflung und Löwenmut schwankenden Mutter von Laura und Tom Wingfield eine Schauspielerin der absoluten Extraklasse.

Die dritte Thalbach des Abends war Anna Thalbachs Tochter Nellie - und damit auch die dritte Generation Thalbach - in der Rolle der unsicheren, zerbrechlichen Tochter Laura. Die Tatsache, dass hier einander auch im wirklichen Leben Mutter und Tochter gegenüberstanden, ließ einen die Darstellung mit ganz anderen Augen betrachten. Dabei wirkte Nellie Thalbach nicht nur unsicher, sondern in höchstem Maße gequält, musste sie doch mit ansehen, wie Bruder und Mutter ihre Konflikte miteinander austrugen, die weniger persönlicher als vielmehr existentieller Natur waren - und entsprechend leidenschaftlich ausgetragen wurden. In der Rolle des Tom Wingfield, der gleichzeitig als Erzähler den dramaturgischen Faden gekonnt in den Händen hielt, überzeugte Louis Held, während Jim O'Connor, ein Arbeitskollege Toms und potenzieller Heiratskandidat für Laura, hervorragend von Sven Scheele gegeben wurde.

Die Geschichte spielte in den 1930er-Jahren, als Amerika mitten in der großen Depression steckte. Der Erste Weltkrieg war bereits einige Jahre her, der Zweite lag schon in der Luft. Davon wollte die kleine Familie Wingfield jedoch nichts wissen. Vom Mann und Vater verlassen, der nur in Form eines alten Grammophons und eines Porträtfotos noch anwesend war, mussten Mutter Amanda und ihre erwachsenen Kinder Tom und Laura jeder auf seine Weise mit dem Leben fertig werden.

  • Remscheid : Frauen unter sich im Teo Otto Theater

Da war Tom, der seinen Kummer über den stupiden Job in einer Lagerhalle in Gedichten, im Kino und in Alkohol versenkte. Mutter Amanda versuchte sich in Erinnerungen zu flüchten. Und Tochter Laura konnte ihr Seelenheil nur in den vielen Glasfiguren - ihrer Glasmenagerie - finden. Da sie die Wirtschaftsschule wegen ihrer Schüchternheit nicht geschafft hatte, wollte die Mutter sie unter die Haube bringen - Toms Arbeitskollege Jim schien da die richtige Wahl zu sein. Doch der amerikanische Traum klappte nicht. Am Ende waren alle Hoffnungen dahin, die Glasmenagerie, als Sinnbild dieser Hoffnungen, geplatzt und die Zukunft lag keinen Deut weniger unsicher vor der Familie als zuvor.

Die Inszenierung Katharina Thalbachs war eng am Original, sorgte mit witzigen Elementen außerdem für kurze Auflockerung, eine Art erleichterten Stoßseufzers inmitten der Tristesse.

Dazu kamen die herausragenden Leistungen der vier Schauspieler, aus denen man vor allen Dingen Anna Thalbach noch einmal herausheben musste. Die 44-Jährige holte aus sich und ihrer Rolle wirklich alles heraus und sorgte für dauerhaftes Staunen im Publikum. Wie es überhaupt der ganze Abend schaffte, selbst bekennende Theatermuffel zu begeistern.

(RP)