Kohlmeisen-Lüken brüten auf Balkon

Kohlmeisen-Küken: Kleine Schreihälse im Blumenkasten

Auf dem Balkon einer Remscheiderin nisten Kohlmeisen. Ein Biologe erklärt, was in einem solchen Fall zu tun ist.

Wer die Wohnung von Kira Brauer in der Metzer Straße betritt, der hört ihre acht Mitbewohner sofort. Lautstark machen sie ihrem Hunger Luft und fordern die nächste Mahlzeit. Doch keine Sorge: Bei den Mitbewohnern handelt es sich nicht um dreiste Kommilitonen der 24 Jahre alten Lehramtsstudentin. Es sind acht Vogeljungen, die in einem Hohlraum eines Blumenkastens auf dem Balkon geschlüpft sind und mit lautem Krähen auf sich aufmerksam machen.

Dass sie gefiederte Untermieter hat, bemerkte Kira Brauer Ende April. „Weil immer wieder Vögel auf dem Balkongeländer landeten und dann in den Blumenkasten verschwanden, habe ich irgendwann nachgeguckt“, berichtet Brauer. In einem Nest lagen dort acht Eier. „Das erklärte dann auch, wieso die Vogeleltern in den Wochen zuvor immer mit kleinen Ästen, Haarbüscheln oder Wolle im Schnabel angeflogen kamen“, erinnert sich die 24-Jährige an den Nestbau im Verborgenen.

Schon beim Anblick der Vogeleier hatten Faszination – und sicher auch ein bisschen Liebe auf den ersten Blick – Kira Brauer gepackt. Verstärkt wurde das noch am 6. Mai. „Da sind die Jungen dann geschlüpft“, kennt die Remscheiderin den Geburtstag des beflügelten Nachwuchses genau. Dabei handelt es sich um eine Familie von Kohl-meisen, hat Brauer anhand des Gefieders der Vogeleltern recherchiert. Mehr als sich über die Tiere zu informieren – und hin und wieder einen Blick ins Nest zu werfen – tat Brauer aber nicht. „Was soll ich schon tun? Ich glaube, das würde die Aufzucht eher stören. Die Vogeleltern wissen doch am besten, wie das geht“, erklärt sie – und handelt damit absolut richtig.

Das jedenfalls bestätigt Jörg Liesendahl, Diplom-Biologe und Leiter der Natur-Schule Grund. Auch wenn bei Vogeljungen nicht wie bei Rehkitzen die Gefahr bestehe, dass sie von den Eltern verstoßen werden, wenn sie mit Menschen in Kontakt kommen. Dass sich die Kohlmeisenfamilie bei Kira Brauer ausgerechnet in einem Blumenkasten ein Zuhause eingerichtet hat, ist auch für Liesendahl neu. „Meisen sind Höhlenbrüter. Normalerweise bauen sie die Nester in Baum- oder Spechthöhlen. Auch Nistkästen sind beliebt“, sagt der Diplom-Biologe.

Ein Problem mit Menschen hätten die Meisen aber nicht. Als Kulturfolger seien sie sehr anpassungsfähig und vergleichsweise anspruchslos. „Das Wichtigste ist, dass die Jungen satt werden. Und Futter gibt es in der Stadt genug“, erklärt Liesendahl. Meisen sind Insektenfresser. Bei ihnen kommen – serviert von den Vogeleltern – Blattläuse, Larven oder Schmetterlingsraupen auf den Teller beziehungsweise in die Schnäbel. Und zwar von allem viel. Das erklärt wohl auch den regen Flugbetrieb der Vogeleltern, den Kira Brauer seit dem Schlüpfen der Jungen auf ihrem Balkon beobachtet. Körnerfutter, betont Jörg Liesendahl, sei für die Jungen nichts. Menschen sollten den Vogelnachwuchs auch dann in Ruhe lassen, wenn der zwei bis drei Wochen nach dem Schlüpfen das Nest verlässt. „Er wird dann auf Ästen weitergefüttert. Manch einer glaubt dann, die Jungen seien alleine und er müsste sie zum Tierarzt bringen. Das ist Quatsch. So finden die Vogeleltern sie nicht mehr wieder“, warnt der Leiter der Natur-Schule.

In ein paar Tagen dürften auch die acht Jungen auf Kira Brauers Balkon ihr Nest verlassen. Laut Liesendahl ist es aber gut möglich, dass die Kohlmeiseneltern ihr Untermietverhältnis bei der 24-Jährigen noch einmal verlängern. „Manchmal brüten Meisen zweimal im Jahr und nutzen dann noch einmal das gleiche Nest“, rät der Experte dazu, Nester erst im Herbst zu entfernen. Damit werde übrigens auch Platz für das nächste Frühjahr geschaffen: „Die merken sich den Nistplatz und vielleicht kommt die gleiche Familie im nächsten Jahr wieder.“