Jeden Tag geht es in den Wald zum Spielen

Erziehung : Jeden Tag geht es in den Wald zum Spielen

Im Südbezirk gibt es den ersten Waldkindergarten Remscheids. Ein Bauwagen dient als Unterkunft. Gestern war Einweihung.

. Zu Fuß ist es von der Steinackerstraße bis in den Wald bei Bliedinghausen knapp zehn Minuten. Wenn es nicht gerade blitzt oder donnert, wenn nicht gerade der Schnee einen Meter hoch liegt, dann machen sich die 20 Kinder der „Waldschnecken-Gruppe“ des evangelischen Kindergartens der Christus-Gemeinde auf den Weg. Mit einem Rucksack voller Essen und Trinken geht es zu ihren Lieblingsplätzen. Die Kinder haben ihnen Namen gegeben. Der „Sonnenplatz“, der „Eulenplatz“ oder der „Popoplatz“. Popoplatz? „Weil dort ein Baustumpf liegt, der wie ein Popo aussieht“, erklärt der kleine Clemens.

Im Wald frühstücken die Kinder zuerst gemeinsam. Danach gibt es freies Spielen. Das ist der Unterschied zu den herkömmlichen Einrichtungen. Keine Legosteine werden ausgepackt oder das Schneckenspiel aus dem Schrank geholt. Das Spielzeug liegt überall herum. Blätter, Äste, Steine, Gräser, Moos, Wurzeln, Zapfen, Eicheln. Die Phantasie der Kinder erschafft sich das Wunschgerät. „Mal ist ein Ast ein Schwert, am nächsten Tag vielleicht ein Flugzeug“, beschreibt Nadine Jabs, die Gruppenleiterin, die Situation. Die Kinder nehmen die drei Erzieherinnen viel weniger als Spielgefährten in Anspruch als in üblichen Gruppen. „Wir werden kaum gebraucht und beaufsichtigen in erster Linie“, sagt Jabs.

Lange hat die erste Waldgruppe auf ihren Bauwagen warten müssen. Im Mai stand er endlich auf dem Gelände an der Steinackerstraße. Bis dahin mussten alle improvisieren. Sie haben ein Zelt im Garten der Kindertagesstätte aufgebaut. Denise Weyer, Leiterin der Einrichtung, lobt die Eltern und Kinder. Trotz der Unwägbarkeiten, die Kinder haben den Wald als ihre Spielwiese erobert. Bei Wind und Wetter, bei Sonne und Regen, bei Hitze und Kälte. Einen anderen Ort am Morgen gibt es für sie nicht. Es sei denn, draußen ist es zu gefährlich. Dann dient der Bauwagen als Rückzug. Und wenn jemand mal aufs Klo muss? Dann wird an besonders geschützten Stellen in den Wald gepinkelt. Ganz einfach.

Der Kindergarten der Christus-Kirchengemeinde bietet drei Gruppen an. Das Interesse an der Waldgruppe ist nach den Erfahrungen des ersten Jahres rasant gestiegen, berichtet Weyer: „Wir haben unser Image verändert.“ Manche Eltern wollten sogar ihre Zweijährigen täglich in den Wald schicken. Doch das sei definitiv noch zu früh. Eine Zweiklassengesellschaft soll es in der Einrichtung aber nicht geben. Hier die Waldkinder, dort die Vier-Wände-Kinder. Immer wenn ein neuer Spielplatz im Wald eingerichtet wird, dürfen alle mal schauen gehen. Manchmal gibt es so etwas wie eine Hospitanz, manchmal wechseln Kinder am Ende des Kindergartenjahres die Gruppe.

Nach Beobachtungen von Nadine Jabs beruhigt das tägliche Spielen im Wald die Kinder. Sie seien weniger gehetzt und unter Druck. Und auch weniger krank. Die Erkältungswelle im Frühjahr sei an allen vorbeigegangen.