In Lennep wird Geschichte lebendig

Blick in die Vergangenheit: In Lennep wird Geschichte lebendig

Fritz Fischer blieb zurück, als seine Brüder in den Ersten Weltkrieg zogen. Er bekam viel Post. Edith Fischer hat die Karten aufbewahrt.

Eine kleine, vergilbte Karte. Mit Bleistift sind in Sütterlin ein paar Zeilen auf das Papier geschrieben worden. „Lieber Fritz! Herzliche Grüße an die ganze Familie. Mir geht es gut. Louis.“ Mehr nicht. Auf der Karte sind junge Männer in weißen Hemden und blauen Hosen abgebildet, mit Pickelhaube und Gewehr im Anschlag, die auf einer grünen Wiese vor blauem Himmel liegen. Louis Fischer schrieb selten mehr als ein paar Zeilen – nicht aus Verdun oder Pocztowka und nicht vom Truppen-Übungsplatz in Zeithain.

„Das wichtigste war ja gesagt“, erklärt Edith Fischer. Die kurzen Meldungen nach Hause waren ein Lebenszeichen – und ein Versprechen. Denn als Louis Fischer 1914 mit seinen Brüdern Emil, Alfred, Heinrich und Rudolf als Soldaten in den Ersten Weltkrieg zog, da blieb ihr Bruder Fritz zurück. „Er verlor schon als junger Mann nach und nach sein Augenlicht“, erzählt Edith Fischer. Fritz musste zu Hause in Lennep bleiben, beneidete seine Brüder um deren Abenteuer und nahm ihnen das Versprechen ab, ihm regelmäßig zu schreiben. Und so erreichten in den Kriegsjahren hunderte Karten das Häuschen an der Kölner Straße.

Louis schrieb meist kurz und bündig. Rudolf nahm seltener den Bleistift zur Hand. Alfred und Emil schickten immer mal wieder Feldpost auf den Weg. Am treuesten aber hielt wohl Heinrich sein Versprechen. Wenn Edith Fischer, deren Schwiegervater Rudolf zu den Fischer-Brüdern aus Lennep gehörte, heute die alten Postkarten durchblättert, sich Felder und Wiesen in Verdun ansieht, Fotos aus dem Infanterie-Barackenlager, wenn sie Postkarten mit dem Titel „Westlicher Kriegsschauplatz“ entdeckt, dann wird ein Stück Zeitgeschichte lebendig.

Jede einzelne Postkarte heftet der erblindende Fritz Fischer damals in seine Alben, bewahrt sie auf wie Schätze. „Da ich heute Geburtstag habe und kein Bekannter bei mir ist, bin ich hier in der Kirche gewesen“, schreibt Heinrich 1915 und berichtet von einer Verletzung, die ihn ins Lazarett brachte. Ein Jahr später sendet er eine Karte mit der Nachricht: „Noch gesund und fidel. Ein Briefchen von Mama oder Papa würde mir noch mal Freude bereiten.“ Nein, viel erzählt hätten die Männer auf ihren Postkarten nie, sagt Edith Fischer. Häufig blieb das auch nach ihrer Rückkehr so. Andeutungen, mal ein Zwischenton, der nach Einsamkeit und Heimweg klingt, dann eine Notiz, die überstandene Verletzungen andeutet.

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„Oft sieht man Briefstempel aus der Feldbäckerei auf den Karten“, sagt Edith Fischer und deutet auf die blaue Tinte. Und dann berichtet sie von der kleinen Bäckerei der Familie Fischer in Lennep, in der alle Söhne das Handwerk ihres Vaters lernten. „Kein Wunder also, dass sie in der Feldbäckerei eingesetzt wurden“, sagt die heute 87-Jährige.

Briefmarken brauchten die Postkarten der Soldaten nicht, der Datumsstempel und die Notiz „Feldpost“ genügten – dazu kam der runde Stempel aus der Feldbäckerei. Weil er beim Einkaufen für die Küche immer die schönen Karten geschenkt bekomme, wolle er künftig noch mehr Post auf den Weg zu Fritz schicken, kündigt Heinrich bereits 1914 an. Viele Karten finden den Weg nach Lennep, gezählt hat Edith Fischer sie nie. Aber als die Tante viele Jahrzehnte später die Alben wegwerfen will, da rettet Edith Fischer die Zeitzeugen.

Nun hat sie sie hervorgeholt, gestöbert, versucht, die alten verblichenen Zeilen zu entziffern. Und häufig ist es ihr gelungen. Auf einer Karte hat sie die Notiz ihres späteren Schwiegervaters gefunden: „Ihr Lieben! Sitze im Soldatenheim und trinke mir ein Gläschen Bier auf euer Wohl. Hoffe auf ein baldiges Wiedersehen.“

Heute weiß sie: Zu einem Wiedersehen der Brüder kam es nie. Louis und Emil kehrten nicht aus dem Krieg zurück.

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