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Immer mehr Menschen sterben einsam

Bestattungen in Remscheid : Immer mehr Menschen sterben einsam

Die Allgemeinheit kommt für Beerdigungen auf, wenn es keine Hinterbliebenen gibt. Dabei müssen die Kosten so gering wie möglich gehalten werden. Allerdings soll die Beisetzung auch in einem würdevollen Rahmen stattfinden.

Eines ist Jürgen Folle und Holger Reichenbach ganz wichtig: „Einfach verscharrt wird in Remscheid niemand“, betonen die beiden. Auch dann nicht, wenn ein Mensch einsam stirbt und es keine Angehörigen gibt, die sich um die Bestattung kümmern können. Folle ist Sachgebietsleiter im Ordnungsamt und kümmert sich dort unter anderem um die „ordnungsbehördlichen Bestattungen“. Holger Reichenbach ist Inhaber von Bestattungen Reichenbach in Lennep. Das Unternehmen ist Vertragspartner der Stadt und organisiert das letzte Geleit für die Toten, bei denen es keine Hinterbliebenen oder sonst jemanden gibt, der dies tun könnte.

Die Zahl solcher Fälle steigt stetig. „Als ich vor gut 15 Jahren angefangen habe, waren es im Jahr etwa 60 bis 70. Heute sind es jährlich rund 100“, sagt Jürgen Folle. Entsprechend sind auch die Kosten gestiegen, bei denen die Stadt in Vorleistung geht. Waren es 2015 noch 48.400 Euro, kam die Stadt 2017 schon für 91.900 Euro auf.

Allerdings, das zeigen die Zahlen, gelingt es der Verwaltung in einigen Fällen, im Nachhinein noch Angehörige zu finden, die die Kosten übernehmen wollen beziehungsweise müssen. Oder der Vertragsbestatter lässt sich die Ausgaben noch aus dem Nachlass des Verstorbenen erstatten. Denn genügend Zeit, um bestattungspflichtige Hinterbliebene aufzuspüren oder die Vermögenssituation des Toten zu klären, bleibt nicht immer. „Zehn Tage nach dem Tod eines Menschen muss bestattet werden“, nennt Holger Reichenbach die Frist, die es einzuhalten gilt, um die Gefahr von Seuchen zu verhindern.

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Akuter Handlungsbedarf besteht freilich in solchen Fällen, in denen Tote längere Zeit unbemerkt in ihrer Wohnung lagen. In nahezu allen Fällen gilt es für Jürgen Folle und Holger Reichenbach einen Spagat zu bewältigen: Auf der einen Seite müssen die Kosten für den Steuerzahler so gering wie möglich gehalten werden, auf der anderen Seite sollen auch die einsam Verstorbenen in einem würdevollen Rahmen beigesetzt werden.

Es handele sich um Menschen, die schlichtweg keinen Angehörigen mehr hatten oder deren Angehörige sich die Beerdigung nicht leisten können. „Manche Menschen vereinsamen aber einfach. Oft sind es Alkoholkranke, Drogenabhängige oder psychisch Kranke“, berichtet Folle von den Schicksalen hinter den Zahlen. Auf 1200 bis
1400 Euro beziffern er und Reichenbach die Kosten für die einfache Beerdigung. Darin enthalten sind unter anderem die Gebühren für den Totenschein, die Kosten des Krematoriums sowie für die Beerdigung selbst und die Friedhofsgebühren. Beigesetzt wird die Asche des Toten in einer einfachen Urne.

Für Verstorbene, die keiner Konfession angehörten, findet einmal im Monat eine Urnenbestattung auf dem städtischen Waldfriedhof in Reinshagen statt. Kirchenmitglieder erfahren hingegen auf dem Friedhof der jeweiligen Gemeinde ihre letzte Ruhe. „Die Kirchen sorgen auch dafür, dass die Bestattungen etwas würdevoller ausfallen“, sagt Folle. Luxus bedeutet das nicht. Immerhin erhalten die vergleichsweise schmucklosen Kapseln mit der Asche des Verstorbenen oft noch eine Schmuckurne und das Grab wird mit einem Schild mit seinem Namen versehen. Die Kirchen übernehmen die finanzielle Differenz.

Ansonsten ähneln sich die Zeremonien. Bei den konfessionellen Beisetzungen hält ein Pfarrer eine kleine Ansprache. „Er spricht das Vaterunser und nennt ein paar Eckdaten aus dem Leben des Verstorbenen“, sagt Reichenbach. Vielmehr ist über die Menschen, die ihre letzten Stunden in Einsamkeit verbracht haben, oft gar nicht bekannt. Bei Nicht-Kirchenmitgliedern übernehmen Mitarbeiter der Hospizgruppe den Part der Geistlichen. Und damit wenigstens irgendjemand den Toten das letzte Geleit gibt, ist auch Holger Reichenbach oder einer seiner Mitarbeiter vor Ort. „Manchmal kommen auch ein paar Freunde oder Nachbarn, um sich zu verabschieden“, sagt Reichenbach. Das ist einer der wenigen schönen Momente angesichts der traurigen Schicksale.

Folle und Reichenbach führen den Anstieg der „ordnungsbehördlichen Bestattungen“ auf die zunehmende Anonymität in der Gesellschaft zurück. Dabei halte sich die in Remscheid noch im Rahmen: „In Berlin fallen jedes Jahr bis zu
6000 Bestattungen von Menschen an, die keine Angehörigen haben“, sagt Reichenbach.