Immer mehr Kinder mit Leseschwächen

Schule : Immer mehr Kinder mit Leseschwächen

Mit einer speziellen Förderung über fünf Wochen beseitigen Fünftklässler des Leibniz-Gymnasiums ihre Defizite. Mit Erfolg. Die Kompetenz wird zu Beginn des Schuljahrs mit Tests überprüft.

Ein Lächeln huscht über das Gesicht des zehnjährigen Arthur, als er auf seiner Urkunde liest, wie er sich im Lesen verbessert hat. Von 77,5 auf 102,5. Das ist beachtlich. Er besucht die Klasse 5b des Leibniz-Gymnasiums in Lüttringhausen. Zuerst fand er es ziemlich doof, fünf Wochen lang jeden Tag nach dem Unterricht in einer Gruppe mit 18 Kindern Michaels Endes „Unendliche Geschichte“ zu lesen. Er hätte lieber mit seinen Kameraden gespielt. Aber am Ende hat er sich im Kurs wohlgefühlt.

Claudia Krahl ist Deutschlehrerin am Lüttringhauser Gymnasium. Sie wollte es nicht mehr länger hinnehmen, dass immer mehr Mädchen und Jungen immer schlechter lesen können. Vor ein paar Jahren hat sie eine Fortbildung besucht, um Methoden zu lernen, wie Leseschwächen behoben werden können. „Ich war zu Anfang skeptisch, ob ein Crashkurs auch Erfolg hat“, sagt Krahl. Doch die Ergebnisse machen ihr Mut. Alle Kinder ihrer Leseförderung haben sich verbessert.

Dabei verlässt sie sich nicht auf ihr Bauchgefühl, sondern auf ihre validen Testergebnisse. Bereits beim Kennenlerntag vor den Sommerferien informierte sie die Eltern, dass gleich am dritten Schultag auf die Kinder ein Lesetest zukommt. Nicht alle Eltern waren begeistert. Auf die Beurteilungen der Grundschulen kann sie sich nicht mehr verlassen. Auch wer aufs Gymnasium geht, kann noch Schwächen bei der Lesekompetenz aufweisen. „Wir wollen keine Zeit verlieren und die Eigewöhnungsphase für die Fünftklässler nicht abwarten“, sagt Krahl. Wer nicht gut lesen kann, hat in allen Fächern Schwierigkeiten.

Nicht lesen können bedeutet, die Kinder setzen die Worte Buchstaben für Buchstaben zusammen und wissen nach vier, fünf Worten nicht mehr, was sie gelesen haben. „So kann lesen keinen Spaß machen“, sagt Krahl. In ihrer Gruppe lief zunächst ein Hörbuch mit Endes Geschichte. Die Kinder sollten das Gehörte im Buch verfolgen. Doch das ging ihnen zu schnell. So las Krahl selber vor. Ganz langsam. Und ganz langsam entwickelte sich die kognitive Fähigkeit, die das geschriebene Wort mit Sinn verbindet. „Kinder, die nicht lesen können, entwickeln keine inneren Bilder“, sagt Krahl. Sie schließen sich aus aus dem Reich der Phantasie und verfügen nicht über eine selbstständige Einbildungskraft. „Das ist traurig“, sagt Krahl. Und manchmal ist es auch zum Weinen.

Die Erfahrungen der Deutschlehrerin decken sich mit den Erkenntnissen aus Lesestudien. Ein knappes Fünftel aller Zehnjährigen in Deutschland kann nicht richtig, nicht „sinnentnehmend“ lesen. Das sind 18,9 Prozent sogenannter funktionaler Analphabeten. Wie schaffen sie es, aufs Gymnasium zu kommen? Krahl: „Viele dieser Kinder haben Tricks, diese Schwäche zu vertuschen. Das erlebe ich auch noch in der achten Klasse.“

Auf der Urkunde von Arthur ist ein Aurin abgebildet. Das ist ein magisches Amulett aus der „Unendlichen Geschichte“, das die Kinder vor Gefahren beschützt. Bei der Übergabe der Lesezeugnisse in der Schulbibliothek spricht Krahl den Kindern Mut zu: „Wir rüsten euch, damit ihr es hier schafft.“ Arthur will jetzt jeden Tag zehn Seiten lesen, sagt er.

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