Remscheid: Im Klanggebirge voller heftiger Dissonanzen

Remscheid: Im Klanggebirge voller heftiger Dissonanzen

Der junge Kandidat Mihail Gerts hinterlässt einen guten Eindruck beim Bewerbungskonzert.

REMSCHEID Vom Komponisten Olivier Messian (1908 bis 1992) wird gern die Geschichte erzählt, wie er einer Studentin in den 50er Jahren ein Buch voller farbiger Vogelillustrationen zeigte: "Vögel sind meine ersten und größten Meister", sagte Messian. In seinen Notizbüchern transkribierte er die Vögelstimmen, die er bei seinen Spaziergängen in der Natur vernommen hatte.

Beim Konzert seines späten Werkes "Concert à quatre" mit den Bergischen Symphonikern im Teo Otto Theater prasselt eine ungeheure Vielfalt an Tönen und Rhythmen auf den Zuhörer ein. Schrill, heftig, dämonisch, nervös, ängstlich und flatterhaft. Nur selten hebt die Oboe an zu einem Ausflug in eine unbeschwerte Sommerfrische, getragen vom perlenden Klavier. Dieses rhythmisch vertrackte Werk haben die vier Solisten Dirk Peppel (Querflöte), Christian Leschowski (Solo- Oboist des Orchesters), Matthias Wehmer (Cellist des Orchesters) und Tobias Haunhorst (Klavier) mit Konzentration und Hingabe gespielt. Und Mihail Gerts, der zweite Kandidat für die Nachfolge von Peter Kuhn als Generalmusikdirektor der Bergischen Symphoniker, zeigte sich als ein kluger Führer durch dieses Klanggebirge mit steilen dissonanten Klippen.

Gerts (34) eröffnete das Konzert, dessen Programm Peter Kuhn zusammengestellt hatte, mit Ottorino Respighi (1879 bis 1936). Auch der Italiener schrieb mit "Gli uccelli" ein Stück über Vögel. Gefiederte Exemplare wie die Taube, die Henne, die Nachtigall und der Kuckuck bekommen ihre Auftritte. Respighi ahmt die Natur nicht nach. Er schafft Atmosphären, die gerne am Rande der Stille ihre größte Wirkung entfalten. Die Vielfältigkeit der Instrumentierung, der seidenfeine Klang der Streicher, das Flirren der Flöten und das zarte Glühen der Celli verbindet Gerts zu einer Klangfülle, die warm und homogen dahinfließt. Mit ihren Ecken und Kanten sorgt sie für feinsinnige Transparenz. Der Dirigenten schafft hohen Hörgenuss. In den zartesten Momenten strahlen die Bergischen Symphoniker klar und durchsichtig.

Mit Beethovens vierter Symphonie trifft Gerts das geschmackliche Zentrum des klassischen Konzertpublikums in Remscheid. Die Einleitung mit den Streichern klingt zurückgenommen, bis sich die Orchestergruppen in B-Dur-Turbulenzen verstricken. Gerts zeigt ein feines Gespür für die Kontraste. In der Mitte des Adagios im zweiten Satz klingt es nicht nur leise, sondern dämmernd und geheimnisvoll. Gerts hängt den vierten Satz sekundenschnell an den dritten. Er forciert das Tempo, ohne in ekstatische Zerrissenheit zu verfallen.

Der junge Dirigent steht gerne auch mal etwas schräg zum Orchester und geht leicht in die Knie, wenn er die Übergänge moduliert. Das Publikum dankte dem Litauer für ein Konzert, das einen guten Eindruck hinterlassen hat.

(RP)