Hans-Jürgen Behrendt: Gute Mischung in den Quartieren schaffen

Interview mit Hans-Jürgen Behrendt : Gute Mischung in den Quartieren schaffen

Hans-Jürgen Behrendt hat zwei Jahrzehnte die Gewag geleitet. Ende September scheidet der Geschäftsführer aus.

Herr Behrendt, die Gewag hat die Aufgabe, das Leben in Remscheid für Menschen mit weniger Einkommen attraktiv zu machen. Ist Ihnen das als Gewag-Geschäftsführer gelungen?

Behrendt Meinen Vorgängern und mir ist das gelungen. Wir haben uns alle daran orientiert, was in der Satzung steht. Dort ist zu lesen, Wohnraum zur Verfügung zu stellen für breite Schichten der Bevölkerung. Und wenn man sich die Wohnungsbaumaßnahmen nach den Weltkriegen anschaut und auch später, sind dort sehr viele öffentliche Mittel hineingeflossen. Das hat dazu geführt, dass Wohnungsbelegungen und Wohnungsmietpreisbindungen ausgesprochen worden sind und Einkommensgrenzen beachtet werden müssen. Wir sind sehr gut aufgestellt

Bei der Hundertjahrfeier der Gewag haben Sie unter anderem erwähnt, dass es viele Mieter gibt, die über 30 Jahre schon in einem Haus der Gewag wohnen. Worauf führen Sie die große Zufriedenheit der Mieter zurück?

Behrendt Die Menschen, die langjährig in derselben Wohnung oder demselben Quartier wohnen, sind meistens auch mit dem Wohnumfeld und den sozialen Gegebenheiten zufrieden. Sie haben aber auch im Laufe der Jahre durch Modernisierung Veränderungen erlebt, die sie als sinnvoll angesehen haben. Man war bereit, für mehr Qualität mehr Miete zu bezahlen. Dieses Gleichgewicht zwischen Modernisierungsumfang, Ansprüchen der Mieter und neuem Mietpreis haben wir versucht herzustellen. Ein anderer Punkt können Freundschaften sein. Wenn man die in einem Quartier gefunden hat, überlegt man sich auch, ob man wegziehen möchte.

Als Sie vor 20 Jahren in der Seestadt auf dem Berge angefangen haben. Vor welchen Herausforderungen standen Sie?

Behrendt Man konnte feststellen, dass die Wohnungen aus den 1920er- und 1930er-Jahren des letzten Jahrhunderts, was die Ausstattung angeht, nicht mehr den Ansprüchen der Menschen in Gänze gerecht wurden. Da mussten wir tätig werden.

Die Toilette auf dem Gang ging beispielsweise gar nicht mehr.

Behrendt Das war nicht mehr zeitgemäß. Es gehörte auch dazu, Wohnungen vom Markt zu nehmen, weil sie nicht mehr zu ertüchtigen waren. Auch die Infrastruktur hat sich geändert. Die Nahversorgung mit Lebensmitteln am Hohenhagen, Mixsiepen oder Hasenberg ist zum Großteil weggebrochen. Wir mussten sehen, was dort Neues angesiedelt werden kann. Zum Beispiel haben pflegerische Einrichtungen, ärztliche Versorgung oder Tagesmütter dort neuen Raum gefunden.

Vor 15 Jahren gab es in vielen Städten den Trend, die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften zu verkaufen, um die Schulden zu senken. Remscheid hat das nicht gemacht. Heute sagt man, das war eine gute Entscheidung.

Behrendt Im Nachhinein sind auch die anderen schlauer geworden und die Verantwortlichen in Remscheid wurden bestätigt in ihrem Tun, vor allem wenn man die Folgen in Dresden oder Kiel sieht. Mit den wenig verbliebenen Wohnungen im städtischen Besitz ist man kaum in der Lage, soziale Wohnungsmarktpolitik zu betreiben, so dass Mieter mit geringem Einkommen einen großen Anteil ihres zur Verfügung stehenden Haushaltseinkommens für hohe Mieten in diesen Kommunen aufwenden müssen. Dass die Stadt dieses regulierende Mittel nicht weggeben hat, war ein positives Signal und hat auch dazu geführt, dass andere bauliche Maßnahmen für die Bürger dieser Stadt durchgeführt werden konnten. Ich denke an das Dienstleistungszentrum, das Feuerwehrgerätehaus in der Haddenbach oder die Stadtteilbibliothek in Lennep. Das sind Projekte, die der Versorgung der Menschen in Remscheid dienen.

Das Quartier in seiner Funktionsweise zu bedenken, gehörte immer auch zu der Aufgabe der Gewag?

Behrendt Das hat immer dazu gehört. Sowohl zum Zeitpunkt der Ersterrichtung einer Wohnanlage und auch später bei der Weiterentwicklung des Bestandes ist die ganzheitliche Betrachtung eines Quartiers eine wichtige Aufgabe eines verantwortlich handelnden Wohnungsunternehmens. Neuzeitliche Wohnangebote, gute Aufenthaltsqualität im Wohnumfeld und bezahlbare Mieten fördern funktionierende Nachbarschaften und die Zufriedenheit der Mieter. Was aber insbesondere hilft, ist die Nähe zum Kunden und zum Standort. Man weiß worüber man spricht und hat ein immer ein Bild vor Augen, wenn es darum geht, gezielt Maßnahmen zu ergreifen

In Remscheid gibt es schon eine Konzentration von türkischen Einwohnern am Kremenholl, Honsberg und Rosenhügel. Kann die Gewag so etwas steuern?

Behrendt Wir haben versucht, regulierend einzugreifen, indem wir am Honsberg über einen langen Zeitraum bewusst Leerstand in Kauf genommen haben und bei der Vermietung uns immer wieder gefragt haben, wie wir überforderte Nachbarschaften durch einen zu hohen Ausländeranteil vermeiden können. Das war ein sehr schwieriger Prozess, denn fast jeder sucht in der Fremde Menschen gleicher Sprache oder Kultur – auch wir Deutschen. Unser Ziel war es, ein gutes Mischungsverhältnis zwischen den Bevölkerungsgruppen herzustellen. Es ist nicht immer gelungen, weil der Druck sehr stark war. Im Laufe der letzten Jahre hat sich dieser Prozess verändert, da gerade jüngere türkische Mitbürger diesen Stadtteil verlassen haben, weil er stigmatisiert ist. Wir haben keine Brennpunkte in Remscheid. Aber unsere Wahrnehmungsschwelle im Bergischen ist sehr niedrig, was Auffälligkeiten angeht.

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