Hannah Arendt: „Schule ist der Job der Kinder“

Interview Hannah Arendt: „Schule ist der Job der Kinder“

Im Interview spricht Schulpsychologin Hannah Arendt über die Einschulung und einen passenden Kurs dazu.

Mit einem Elternkurs will die Psychologische Beratungsstelle Mütter und Väter ab dem 21. März auf die Einschulung ihrer Kinder vorbereiten. Warum das hilfreich sein kann und warum es bei den Hausaufgaben ruhig auch mal scheppern darf, erklärt Schulpsychologin Hannah Arendt.

Frau Arendt, ein Angebot für Eltern, deren Kinder im Sommer in die Schule kommen: Ist Einschulung schwieriger geworden als früher?

Arendt Nein, Einschulung ist nicht schwieriger geworden. Aber sie ist ein riesiger Entwicklungsschritt – sowohl für Kinder als auch für Eltern. Wir wollen unsere Begleitung für diesen Schritt anbieten. Und an einer Stelle ist Einschulung vielleicht doch schwieriger geworden: Früher waren Eltern flexibler, wenn es darum ging, zu entscheiden, wann ihre Kinder eingeschult werden. Heute ist eine Rückstellung viel schwieriger. Aber natürlich hat der Entwicklungsstand von Kindern weiterhin einen großen Spielraum, jeder kommt mit anderen Voraussetzungen. Wir wollen Eltern helfen, ihre Kinder zu unterstützen.

Welche Herausforderungen stellen sich Kindern denn mit der Einschulung?

Arendt Sie erwartet vor allem ein wesentlich strukturierterer Alltag. Sie müssen öfter stillsitzen, haben weniger Freiraum für eigene Impulse und stattdessen strukturierte Aufgaben. Die Anforderung an ihre Konzentrationsfähigkeit steigt. Und sie treffen auf deutlich mehr Kinder als früher.

Wie gut können Kinder Ihrer Erfahrung nach mit diesen Veränderungen umgehen?

Arendt Viele Kinder gehen erstmal sehr offen und neugierig in diese Situation. Es fällt ihnen gar nicht so schwer, die Veränderung anzunehmen, wie wir Erwachsene oft meinen. Unserer Erfahrung nach freuen sich die meisten Kinder auf ihre Einschulung und sind stolz, endlich ein Schulkind zu sein.

Und welche Herausforderungen warten auf die Eltern?

Arendt Eltern müssen das Loslassen lernen. Mit der Einschulung geben sie einen Teil der Verantwortung an Lehrer ab. Dazu gehört sehr viel Vertrauen. Den meisten Eltern gelingt das ganz gut. Hinzu kommt, dass sich den Kindern mit der Schule ein völlig neues Feld erschließt. Sie werden noch selbstständiger, lernen lesen und schreiben und sind damit immer weniger auf ihre Eltern angewiesen. Das schickt auch Eltern auf einen Entwicklungsweg.

Und wenn das eigene Kind dann auch noch erzählfaul ist und wenig vom Schulalltag berichtet: Welchen Tipp geben Sie Eltern, um trotzdem teilhaben zu können?

Arendt Wenn Kinder aus der Schule kommen, haben sie viel aufgenommen und brauchen erst mal eine Pause. Dann ist es oft einfach nicht der richtige Zeitpunkt, um mit ihnen auch noch über die Schule zu sprechen. Aber abends am Tisch oder beim Zubettgehen, können Eltern und Kinder oft gut ins Gespräch kommen. Dabei muss es gar nicht unbedingt um Schulthemen gehen, sondern einfach um zu hören: Wie geht es meinem Kind.

Gibt es Warnsignale, die Eltern beachten sollten?

Arendt Viele Kinder reden nicht über die Schule, sind aber zufrieden. Das Wichtigste ist, sich sein Kind anzusehen und zu beobachten, ob es sich verändert, sich zurückzieht oder lustlos wird. Dann kann es sinnvoll sein, seine Beobachtungen mit der Klassenleitung zu besprechen.

Gibt es Kardinalfehler, die Eltern in dieser Zeit des Umbruchs unterlaufen?

Arendt Es ist nicht hilfreich, wenn von Anfang an große Leistungserwartungen gestellte werden. Nicht bei jedem Kind klappt es gleich so toll mit dem Lernen. Und das ist gar nicht schlimm. Die Kinder brauchen dann einfach ein halbes Jahr oder auch das erste Schuljahr, um sich an das neue System zu gewöhnen. Es ist wichtig, den Kindern diese Zeit zu geben und im Zweifelsfall mit der Klassenleitung auch den Umfang des Lernstoffs zu besprechen. In den meisten Fällen ist das kein dauerhafter Rückstand. Und für das Kind muss deutlich bleiben: Es gibt viele Sachen, die ich toll kann, auch wenn ich vielleicht nicht so gut in Rechtschreibung bin. Und nicht vergessen: Es gibt viele Kompetenzen, die sich in Schulfächern nicht widerspiegeln.

Streitpunkt Hausaufgaben: Haben Sie Tipps für den Alltag Zuhause?

Arendt Hausaufgaben sind wirklich eine klassische Konfliktsituation: Eltern müssen sich keine Gedanken machen, wenn es da Zuhause regelmäßig scheppert. Wir empfehlen, dass die Kinder möglichst selbstständig ihre Hausaufgaben machen. Schule ist der Job der Kinder, den darf die Mama nicht einfach übernehmen. Eltern dürfen da nicht engagierter als ihre Kinder sein. Und das bedeutet: Die Kinder suchen die Hausaufgaben raus, erklären die Aufgaben und können dann auch erstmal vor sich hin arbeiten, während die Eltern für Fragen bereitstehen. In der Regel haben Kinder Lust dazu, Dinge selber zu können.

„So wird mein Kind stark in der Schule“ lautet das Thema an einem der Kursabende. Was genau bedeutet denn „stark“?

Arendt Wir wünschen uns, dass die Kinder die Schule als etwas erleben, was Spaß macht. Wo es ihnen gelingt, zu lernen und wo ihnen dafür Zeit gegeben wird. Sie sollen sich aufgehoben fühlen und entdecken: Manche Aufgaben sehen echt kompliziert aus, aber ich wage mich da jetzt dran.

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