„Für eine Impfung ist es nie zu spät“

Interview Dr. Frank Neveling : „Für eine Impfung ist es nie zu spät“

Der Leiter des Remscheider Gesundheitsamts spricht darüber, warum und für wen Impfungen wichtig sind.

Herr Dr. Neveling, welche Impfungen sollte man in unserer Region auf jeden Fall haben?

Dr. Frank Neveling Ich bin Impffreund, deswegen empfehle ich den Menschen, die entsprechenden Impfungen zu machen, die auch vom Robert-Koch-Institut offiziell empfohlen werden. Die gängigste Impfung ist gegen Diphterie und Tetanus, die alle zehn Jahre aufgefrischt werden sollte. Hier wird die Kombinationsimpfung mit Keuchhusten empfohlen, auch wenn man als Kind bereits eine Infektion durchgemacht hat, da eine erneute Keuchhusten-Infektion im Alter auftreten kann. Wer sehr reiseaffin ist, kann dann eine Vierfachimpfung machen, bei der auch noch gegen Kinderlähmung geimpft wird. Deutschland ist zwar poliofrei, aber für Vielreiser ist es durchaus empfehlenswert.

Gibt es verpflichtende Impfungen für Erwachsene?

Neveling Nein, es gibt keine Impfpflicht, auch wenn das Thema in der Politik immer wieder diskutiert wird.

Wogegen sollte man Kinder impfen?

Neveling Auch für Kinder gibt es keine Impfpflicht, das schon mal voraus. Kinder sollten ebenfalls gegen Diphterie, Keuchhusten, Pneumokokken, Hämophilus, Meningokokken, Rotaviren, Polio und Tetanus geimpft werden, zudem gegen Hepatitis B, Masern, Mumps und Röteln. Neu dazugekommen ist seit einiger Zeit eine Impfung gegen Windpocken. Zu beachten ist, dass die genannten Kinderkrankheiten – Masern, Mumps und Röteln -, wenn sie im Erwachsenenalter auftreten, in der Regel weit schlimmere Krankheitsverläufe mit Komplikationen wie Unfruchtbarkeit, Taubheit oder einer Bauchspeicheldrüsenentzündung haben können. Masern treten ja auch in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Jahren immer wieder auf und sind hochansteckend. Ab dem 9. Lebensjahr sollte eine HPV-Impfung gemacht werden.

Wie sinnvoll ist denn Ihrer Meinung nach eine Grippeimpfung?

Neveling Wir hatten tatsächlich im Zeitraum Januar bis März in diesem Jahr nahezu doppelt so viele Verstorbene wie üblicherweise im Sommer und Herbst. Ein Großteil der Menschen ist dabei wohl als Folge einer Influenza-Erkrankung verstorben. Insofern kann ich nur empfehlen, dass Patienten mit chronischen Erkrankungen oder mit vielen Kontakten zu anderen Menschen, sich gegen die Grippe impfen lassen. Man schützt nicht nur sich, sondern eben auch die Menschen, mit denen man in Kontakt kommt – etwa in Kindergärten oder in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern.

Das wäre dann also auch die Zielgruppe?

Neveling Richtig, dazu kommen natürlich auch ältere Menschen.

Wann ist der geeignete Zeitpunkt für die Grippeimpfung?

Neveling Der Impfstoff ist in der Regel nach den Sommerferien verfügbar. Jetzt ist er beispielsweise bereits ausgeliefert. Grundsätzlich ist es nie zu spät, aber im Oktober oder November, spätestens aber im Dezember sollte man den Weg zum Hausarzt finden, um sich impfen zu lassen. Denn das Immunsystem braucht etwa zwei bis drei Wochen, um genügend Antikörper zu produzieren, man ist also nicht schon am ersten Tag nach der Impfung geschützt. Die Grippewelle hat sich statistisch gesehen in den vergangenen Jahren mehr und mehr in den Januar bis März hineinverschoben. Um die Weihnachtszeit geht es aber mit den Erkältungswellen und der Grippe meist los.

Wie wirksam ist denn ein Grippe-Impfstoff?

Neveling Eine hundertprozentige Wirkung gibt es nicht, das ist immer ein wenig wie Roulette. Die WHO sieht sich das Infektionsgeschehen auf der Südhalbkugel an, dazu werden die Daten der abgelaufene Grippesaison herangezogen – und auf der Basis dieser Erfahrungswerte wird ein Cocktail aus vier Virusmutanten gemischt. Dann hofft man, dass der auch wirksam ist. Meistens ist das so, aber nicht immer. Die führenden Virenstämme sind aber meistens erfasst.

Mit welchen Argumenten begegnen Sie eigentlich den nicht wenigen Impfgegnern?

Neveling Man kann hier letztlich nur auf die möglichen Risiken hinweisen. Meine Erfahrung ist aber, dass sich die meisten Impfgegner davon auch nicht überzeugen lassen. Ich würde das dann auch nicht mit Nachdruck versuchen. In der Regel sind es erwachsene Menschen und jeder ist dann im Zweifel bereit dazu, das Risiko zu tragen. Das ist im Berufsleben der Fall, im Privatleben und auch auf der Reise.

Und wenn Kinder im Spiel sind – die können das ja nicht selbst entscheiden.

Neveling Das ist richtig, aber dann sind die Eltern die Erziehungsverantwortlichen. Auch hier gilt, dass man nur informieren kann. Wichtig ist aber, dass die Kinder ja irgendwann auch groß und damit flügge werden, und dann etwa nach dem Schulabschluss heutzutage auch schon mal quer durch die Welt, nach Asien, Afrika oder Südamerika reisen. Ich kann dann nur den Tipp und den Hinweis geben, sich beim Auswärtigen Amt und den Reiseveranstaltern zu informieren und die entsprechenden Impfungen machen zu lassen.

Was glauben Sie, sind die Vorbehalte der Impfgegner?

Neveling Da gibt es die unterschiedlichsten Vorbehalte, manchmal können auch weltanschauliche Gründe eine Rolle spielen. Wenn man den Begriff Impfstoffe oder Impfung bei Google eingibt, findet man häufig Foren und Informationen von impfkritischen Personen. Die Inhalte sind dann aber nicht unbedingt mit den wissenschaftlichen Daten und Fakten deckungsgleich. Letztlich kann man nur anhand wissenschaftlicher Daten informieren und beraten. Wenn jemand Impfung ablehnt, dann ist das so.

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