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Fotografien von Thomas E. Wunsch

Fotografien : Bestandsaufnahme eines Seelenspanners

Thomas E. Wunsch hat Menschen und Ansichten in Remscheid fotografiert. Herausgekommen ist ein berührender Bildband – ab sofort sind seine Aufnahmen auch in den Schaufenstern an der Hindenburgstraße zu sehen.

Der erste Blick der Besucher fällt auf das Gesicht einer älteren Dame. Das helle Scheinwerferlicht schont sie nicht. Es legt die Spuren, die das Leben um ihre Augen gezeichnet hat, frei. Und die stark vergrößerte Fotografie auf der Leinwand in der „Erlebbar“ kommt dem Betrachter ganz nah. „Ich habe mich nicht schön gefunden, als ich das Bild zum ersten Mal sah“, sagt Brunhilde Arnolds. Sie ist 87 und die älteste Remscheiderin, die sich für den Bildband „Bestandsaufnahme“ vor die Kamera von Fotograf Thomas E. Wunsch wagte. Und dann blickt sie auf ihr Gesicht auf dem großen Plakat, das zur Ausstellungseröffnung in der „Erlebbar“ steht. „Aber das bin ich und ich stehe dazu“, sagt sie. Außerdem sei die Resonanz großartig gewesen, als die Bilder veröffentlicht worden seien. Wildfremde Menschen hätten ihr geschrieben und sich für ihren ehrlichen Blick in die Kamera bedankt.

Komplimente wie diese hört auch Fotograf Thomas E. Wunsch gerne. „Ich fotografiere Fashion und Beauty, Sets für das Kino“, erzählt er, „aber das Porträt liegt mir am meisten.“ Er sei ein „Seelenspanner“, der an den Augen der Menschen entdecke, wenn sie sich vor der Kamera öffnen. Im vergangenen Jahr haben diesen Schritt viele Remscheider gewagt, haben dem Fotografen einen ehrlichen Blick in die Kamera geschenkt und das Licht der hellen Ringleuchte nicht gescheut. Das Ergebnis zeigt Thomas E. Wunsch in seinem Bildband „Bestandsaufnahme“ – und seit Freitag auch in den Schaufenstern der Geschäfte an der Hindenburgstraße. Bis zum 7. September können sich Betrachter in den Gesichtern auf Entdeckungsreise machen und bei einem Halt in der „Erlebbar“ in dem Buch stöbern. Dort entdecken aufmerksame Betrachter auch, wie dieses ungewöhnliche Projekt eigentlich geplant war.

„Ich wollte das hässliche Remscheid zeigen“, sagt Thomas E. Wunsch. Die hässlichsten Ecken wollte er mit der Kamera besuchen. Warum? „Ich bin 120 Prozent Remscheider“, sagt er, „und wahrscheinlich wollte ich den Menschen zeigen, wieviel Schönheit auch in den hässlichen Ecken steckt.“ Also fotografierte er Häuseransichten, Ruinen, kletterte auf die Lutherkirche und warf einen Blick auf die Dächer der Stadt. „Ich habe die Perspektive gewechselt“, sagt er, „und meine Stadt selbst neu entdeckt.“ Wer sich mit dem Rücken auf den Bordstein lege, erhalte eine völlig neue Sicht der Dinge, sagt er. Und die wollte er in einen Bildband bannen. Aber dann entdeckte er: „Die Menschen machen die Stadt zu dem, was sie ist.“ Und deswegen wollte er ihre Geschichten erzählen. Am Ende wurden es nicht die geplanten zehn, sondern 378 Gesichter und Geschichten – auf insgesamt 248 Seiten. Er war bei der Lebenshilfe zu Gast, wo er seine Modelle nicht erst auffordern musste, ihm ein ehrliches Lächeln zu schenken. Er lud zu Shootings ein, die sich bald über eine riesige Nachfrage freuten. Alle Aufnahmen sind schwarzweiß. Nur einem Bild hat er die Farbe gegeben: „Buntstreifen“ nennt er die Fotografie vom Blumenmeer eines Remscheider Mittelstreifens. Gemeinsam mit anderen Stadtansichten zeigt er diese Fotografie in der „Nacht der Kultur“ am 27. Oktober im Markt 13. In dieser Woche aber lenkt er mit seiner Ausstellung  die Aufmerksamkeit erst mal auf die Gesichter der Stadt.