Flugzeugabsturz in Remscheid: Sammelklage nicht mehr ausgeschlossen

Flugzeugabsturz in Remscheid: Wolf kann sich Sammelklage vorstellen

Am 31. März läuft die Frist ab, bis zu der man Folgeschäden des Absturzes in der Stockder Straße geltend machen kann.

Veronika Wolf, die sich als Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) Remscheid seit 30 Jahren mit der Katastrophe des 8. Dezembers 1988 in der Stockder Straße beschäftigt, appelliert an die Bevölkerung, diese letzte Frist wahrzunehmen. Es gehe nicht um alte Forderungen, sondern neue und brisante Erkenntnisse gäben Anlass, eine Fristverlängerung bis zum 31. März zu erwirken.

Absturz, Explosion und Brände hätten unzählige Gifte freigesetzt, die noch über Jahrzehnte Erkrankungen auslösen könnten, sagt Wolf. Die Behörden hätten damals bereits von erhöhten Risiken für alle gewusst, „die mit dem krebserregenden Flugbenzin, Ölen, brisanten Flugzeugteilen in Form des weit über Remscheid verteilten Rauchs, Rußes und Gasen in Kontakt kamen“. In den vergangenen Jahren hätten sich bei ihr immer wieder Betroffene gemeldet, die Zusammenhänge zwischen Erkrankungen und Absturz befürchten. Die nach dem Absturz festgestellten Verunreinigungen der Gartenböden durch chemische Gifte seien nicht saniert worden und könnten heute noch krebserregend wirken, sagt Wolf. Von der Technischen Hochschule Aachen kürzlich untersuchte Gartenböden im Absturzgebiet hätten eine hohe Toxizität ergeben, die als sanierungspflichtig eingeschätzt werde.

Die Art der Spätfolgen lasse sich mit der 9/11-Katastrophe durchaus vergleichen, sagt Wolf. Es sei aber auch „kein Nachweis des Nichtvorhandenseins von Folgeschäden, wenn nicht alle Betroffenen erkranken.“ Nach solchen Ereignissen rechne man mit einer Erhöhung der Erkrankungsrate von 15 bis 20 Prozent. „In New York wurden 84 Krebsarten anerkannt, aber auch ‚normale‘ Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-, Magen-Darm-, Lungen- und Schilddrüsenerkrankungen.“

In Remscheid sei versucht worden, Betroffene zum Schweigen zu bringen, sagt Veronika Wolf. So hätten drei Erzieherinnen kurz nach dem Absturz behinderte Kinder geboren – Wasserkopf, Gaumen-Lippen-Spalte und fehlender Unterarm. „Den Erzieherinnen wurde mit der Kündigung gedroht, falls sie darüber berichten“, sagt Wolf.

Die Anmeldungen von Folgeschäden beim Bundesamt für Immobilienaufgaben können bis zum
31. März zunächst durch einen Brief oder eine E-Mail eingereicht werden. Das Bundesamt habe erklärt, dass Nachweise des zeitlichen und örtlichen Zusammenhangs ausreichen. Dafür könnten sich Betroffene zusammentun. Die Koordination leistet der BUND. Durch ihre Einsichtnahmen in Akten lasse sich „nun beweisen, dass Absturzursache und Folgen konsequent vertuscht wurden“, so Wolf, die größte Sorge seien nicht die Folgen für Einwohner, sondern „die Gefahr einer abnehmenden Toleranz für weltweiten Tiefflug“ gewesen, schreibt das Fachreferat des NRW-Gesundheitsministeriums am 24. Oktober 1989: „Nach Einschätzung des Fachreferates, die von der Stadt Remscheid geteilt wird, handelt es sich um ein Politikum ersten Ranges.“ Dies umso mehr, falls sich gesundheitliche Folgen des Absturzes herausstellen sollten.

Da von offizieller Seite kein Interesse an der Beobachtung der Spätfolgen vorhanden gewesen sei, wendeten sich die Betroffenen an die Bürgerinitiative, sagt Wolf. Auch das Kinderkrebs-Register der Universität Mainz berichtet seit mehr als 20 Jahren von erhöhtem Auftreten von Kinderkrebs in Remscheid gegenüber den Nachbarstädten.

Veronika Wolf ist sie mit ihren vier Söhnen als Expertin tätig. Ihr Engagement für eine Aufklärung des Absturzes endete nicht mit dem
30. Jahrestag. Derzeit erforscht sie im Rahmen einer Doktorarbeit an der Bergischen Universität die Gefährdung, die sich aus der Bodenkontamination ergeben könnte.

Ihre Sorge bezieht sich auf Schriftstücke, die in den Akten des damaligen Gesundheitsministeriums NRW zu finden waren. Diese belegen, dass speziell die Absturzstellen von A-10-Kampfflugzeugen „ein hohes Maß an Vernichtung zeigen“ und die Bergung hohe Risiken darstellt. Das Ministerium: „Da Munition und Trimmgewichte mit Uran 238 versehen sind, erhöht sich die radioaktive Strahlung um ein vielfaches. Die bewirkt bei Verschmelzung oder Verdampfung eine Zerstäubung von Uranpartikel in einem Umkreis von mehreren Kilometern.“

Die Erkenntnisse lassen Veronika Wolf zufolge auch eine Sammelklage der Betroffenen nicht mehr ausschließen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Vor 30 Jahren: Flugzeugabsturz in Remscheid

(Boll)
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