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Ferdinand von Schirach: Wem gehört das Leben?

Theaterstück in Remscheid : Wem gehört das Leben?

„Gott“ – das neue Stück von Ferdinand von Schirach über Suizid war in einer packenden Inszenierung im Remscheider Teo Otto Theater zu sehen.

Das Jacket von Richard Gärtner sitzt nicht richtig. Es ist etwas zu groß und faltig. Der 78-Jährige trägt eine Kiste auf die Bühne, in der noch eine Kiste und noch eine Kiste stecken – bis er Briefe findet und ein Kleid herausholt. Das Kleid seiner verstorbenen Frau Elisabeth. Ohne sie möchte er nicht mehr Leben. Es macht keinen Sinn mehr. Daran ändern auch seine gute Gesundheit und geistige Klarheit nichts. Er hat eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital beantragt. Ein Fall für den Ethikrat. In den nächsten 100 Minuten geht es um die Frage: „Wem gehört das Leben?“

In seinem zweiten Theaterstück „Gott“ – mit „Terror“ gelang ihm ein Welterfolg – behandelt der Schriftsteller und gelernte Strafverteidiger Ferdinand von Schirach die ethische Frage, wie die Gesellschaft mit einem Menschen umgehen soll, der sein Leben selbst beenden will. Die Stärke dieses Stückes liegt darin, dass es die unterschiedlichen Haltungen zu dieser ernsten Frage breit auffächert. Viele relevanten Perspektiven kommen zu Wort. Das Stück besteht aus einer Ansammlung von Plädoyers und aktuellen Informationen über die Rechtslage und Forschung. Und es steuert relativ schnell auf den Großkonflikt zwischen dem Vertreter der Kirche und dem Rechtsanwalt von Richard Gärtner zu.

Die Stärke des Stück enthält zugleich seine Schwäche. Die Figuren, die Schirach auf die Bühne stellt, haben kaum Individualität. Sie wirken wie Stellvertreter für Argumentationslinien. Der Zuschauer wohnt einer Verhandlung bei, in der jede Figur Zeit bekommt, gewichtige Argumente vorzubringen. Da steht der Bischof und verteidigt das Weltbild der Kirche als unantastbar. Auch wenn sich keine Stelle in der Bibel findet, die den Selbstmord verdammt, Leben bedeutet Leiden, bis zum letzten Atemzug, sagt der Kirchenmann. Klaus Mikoleit als Bischof verzieht schon mal das Gesicht, wenn er von dem scharfsinnigen Rechtsanwalt Biegler (Christian Meyer) in Widersprüche verwickelt wird. Das Bollwerk des Glaubens bekommt Risse, es zerfällt aber nicht.

Regisseur Miraz Bezar schlägt sich in seiner Regie auf keine Seite, sondern will die Kraft der Argumente leuchten lassen. In dem Wissen, dass das Denken auch immer wieder in eine Sackgasse gerät. Es ist ein Diskurs auf intellektuell hohem Niveau, mit historischen Ausflügen zu den Kirchenvätern Augustinus und Thomas von Aquin und dem Aufblättern einer Statistik darüber, wie viele Suizidversuche scheitern.

Das Publikum im Teo Otto Theater stimmte nach dem Für und Wider darüber ab, ob Richard Gärtner die tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital verabreicht bekommen soll. 62 Ja-Stimmen, 35 Nein-Stimmen.

Doch so klar die Mehrheit sich an diesem Abend entschieden hat, eine endgültige Antwort auf die Frage „Wem gehört das Leben?“ gibt es nicht. Die Wahrheit der Anderen gilt es auszuhalten. Die Kiste mit dem Kleid seiner Frau verstaut Gärtner am Ende in einer Akten-Gräberwand. Er hat seinen Frieden gefunden.