Else Lasker-Schüler: Wuppertal zeigt Stationen eines Künstlerlebens

Ausstellung zum 150. Geburtstag von Else Lasker-Schüler in Wuppertal : Stationen im Leben einer Künstlerin

Von der Heydt-Museum zeigt zum 150. Geburtstag von Else Lasker-Schüler eine Ausstellung einer entwurzelten Frau.

Eine unscharfe Schwarz-weiß-Fotografie im letzten Raum der Ausstellung zeigt die Dichterin Else Lasker-Schüler als alte Frau. Strenge Falten teilen ihr Gesicht. Den Hut hat sie tief über die Augen gezogen. Ihre kleine Gestalt strahlt Energie aus. Die Energie einer Überlebenskünstlerin. Die Kraft einer Schriftstellerin, die im Laufe ihres Lebens fast alles verloren hat: Die Heimat, die Freunde, die Liebe – nur die Sprache nicht. Die Fotografie entstand ein Jahr vor ihrem Tod 1945 in Jerusalem. Die Endstation ihres Lebensweges, geprägt von Flucht, Angst und seelischer Not. Die schmerzliche Entwurzelung hat sie in unvergessliche Zeilen gebracht: „Ich habe zu Hause ein blaues Klavier/ und kenne doch keine Note /es steht im Dunkel der Kellertüre/ seitdem die Welt verrohte...

Vor 150 Jahren wurde Elisabeth Schüler im vornehmen Brillerviertel in Elberfeld geboren. Das von der Heydt-Museum widmet der bedeutenden Lyrikerin des 20. Jahrhunderts eine detailreiche Ausstellung. Sie zeichnet das Leben der Wuppertalerin nach, indem sie die Netzwerke beleuchtet, die für ihre Existenz als Künstlerin bedeutend waren. Der poetische Blick auf die Welt war schon in frühen Jahren bei ihr entwickelt. Im Alter von Fünf veröffentlichte sie ihr erstes Buch. Und zu den Künstlern ihrer Zeit suchte sie enge Verbindungen. Vor allem im Berlin der Weimarer Republik.

Als Lyrikerin, Dramatikerin und Prosaschreiberin gehörte sie zu den mutigen und wirkmächtigen Künstlerinnen ihrer Zeit. Lasker-Schüler malte auch, kleine Werke im expressionistischen Stil. Sie zeichnete auf Postkarten, tauschte kleine Zeichnungen mit anderen.

Im Vergleich zu den Taktgebern ihrer Epoche wie Franz Marc oder Kandinsky, Klee oder Gabriele Münter wirkt ihr malerisches Werk epigonal. Das Malen und Zeichnen boten ihr eine wichtige Möglichkeit, ihre Phantasiewelten zu entwickeln. Sie wechselte ständig zwischen Schrift- und Bildzeichen. Ihre Briefe an die Freunde und Kollegen enthalten häufig graphologische Elemente wie Sterne, Kometen, Blüten, Herzen, Kronen. Mittels bildhafter Zeichen ließ sie visionäre Vorstellungsräume entstehen. So haben Bilder mit ihren erfundenen Figuren wie „Prinz Jussuf“ einen poetischen Klang.

Die Ausstellung erarbeitet die Lebensstationen akribisch und chronologisch nachvollziehbar. Der Besucher muss viel arbeiten, um sich die Zusammenhänge zu erschließen. Das ist bisweilen anstrengend, aber fruchtbar. Ob Henry Walden, Herausgeber der Zeitschrift „Der Sturm“ und Ehemann von Else, die Brückemaler, die Bauhauskünstler, die Verbindung mit Gottfried Benn oder die Zusammenarbeit mit dem Remscheider Bühnenbildner Teo Otto – Else Lasker-Schüler lebte dort, wo es eine Avantgarde gab und spielte dabei immer ihre eigene Melodie.

Exemplarisch für ihr Künstlertum steht die Fotografie von Else als „Fakir von Theben“. In Hosenanzug, mit Kurzhaarschnitt. Für die bürgerliche Gesellschaft um 1912 eine Skandalnudel. Die Temperatur ihrer Gedichte und Bilder gleicht dem Zeitempfinden ihrer Malerkollegen. Die Münchner Kunstauktion von 1913 ist in Wuppertal in Teilen nachgestellt. Als Hommage an die bildende Künstlerin Else Lasker-Schüler. Es ist der schönste Raum der Ausstellung.

Die Nationalsozialisten machten der Wuppertaler Jüdin das Leben zu Hölle. Verarmt landete sie in der Schweiz. Später in Israel. Ihre schon früh ausgeprägte Disposition zu Melancholie und Trauer verschärften sich. In einem ihrer frühen Gedichte heißt es: „Es ist ein Weinen in der Welt/ als ob der liebe Gott gestorben wär/ und der bleierne Schatten, der niederfällt/ lastet grabesschwer...“ Die Schwermut bannt die Dichterin in der Klangschönheit ihrer Sprache. Ihr Klavier ist nie schwarz, sondern blau.