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Einzelhandel in Remscheid in der Corona-Krise

Einzelhandel in Remscheid : Schmerzliche Gewöhnung an die Krise

Die Eigentümer des Allee-Centers wollen sich bei Mietausfällen mit den Mietern zusammensetzen, um individuelle und faire Lösungen zu finden. Zunächst müsse aber das Ausmaß der Einnahmeverluste absehbar sein.

Das Obst und Gemüse für den Stand von Ismail Akdag kommt täglich mit einem Lieferwagen aus Leverkusen. Doch der Absatz der Ware ist in den vergangenen vier Wochen so eingebrochen, dass er alles mit seinem Pkw abholen kann. „Wir haben mehr als 50 Prozent Umsatzrückgang“, sagt Akdag. Auch wenn bei sonnigem Wetter mehr Kunden kommen als vor zwei Wochen – seine Einnahmen schrumpfen und schrumpfen. „Ich musste Mitarbeiter nach Hause schicken. Nun machen sich alle Sorgen, wie es weiter geht. Manche wissen nicht, wie sie ihre Familien ernähren sollen“, sagt Akdag. Er bietet einen Lieferservice an. Doch der kommt nicht so richtig in Gang.

Das Allee-Center wirkt nicht nur wie fast ausgestorben, es ist auch kalt und unwirtlich. Sicherheitsleute gehören zu den beständigsten Besuchern. Center-Manager Nelson Vlijt hat die Beleuchtung reduziert sowie Heizung und Klimaanlagen heruntergefahren. Damit will das Management die Betriebskosten reduzieren, was allen Mietern zugute kommt. Außerdem reinigen Servicekräfte mehrmals täglich Türgriffe und Rolltreppenhandläufe. „Die Situation für uns ist äußerst herausfordernd“, sagt Vlijt.

 Der Kiosk von Sylvia Buschmann (l.) und Rainer Ranz gehört zu den wenigen Geschäften im Center, die noch öffnen dürfen.
Der Kiosk von Sylvia Buschmann (l.) und Rainer Ranz gehört zu den wenigen Geschäften im Center, die noch öffnen dürfen. Foto: Christian Peiseler

Ob die Mieter ihren Mietzahlungen nachkommen können, stelle sich erst Ende April heraus. Das ECE betreibt im Auftrag von Eigentümern verschiedene Center. Mit den Eigentümern des Allee-Centers habe man intensive Gespräche geführt über das Vorgehen bei Mietausfall. „Sofern betroffene Mieter derzeit ihre Mietzahlungen nicht leisten, gehen wir zunächst davon aus, dass dies im Sinne des Gesetzes auf den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie beruht. Zudem werden wir die Mietzahlungen zunächst auch nicht durchsetzen. Damit gehen wir über die gesetzliche Regelung hinaus“, sagt Vlijt. Zu einem späteren Zeitpunkt werde man sich mit den Mietern zusammensetzen und nach individuellen und fairen Lösungen suchen.

 Ismail Akdag betreibt einen Obststand im Allee-Center.
Ismail Akdag betreibt einen Obststand im Allee-Center. Foto: Christian Peiseler

Sylvia Buschmann und Rainer Ranz (Leiter) haben sich inzwischen an die ruhige Zeit im Center gewöhnt. Sie bedienen die noch verbliebenen Kunden mit Zeitungen und Tabakwaren im Kiosk auf der oberen Etage. „Unsere Nerven sind inzwischen im grünen Bereich“, sagt Ranz. Auch er beziffert die Einbußen mit gut 50 Prozent. Kurzarbeit sei aber bei ihnen kein Thema. Wer ihren Kiosk betreten will, reiht sich wie beim Sicherheitscheck in einem Flughafen in eine von einem schwarzen Band markierten Reihe ein. Rote Streifen auf dem Boden bitten um den notwendigen Abstand.

„Die Leute sind sehr freundlich und diszipliniert“, sagt Sylvia Buschmann. Für die Mitarbeiter hinter der Theke, die mit einem Spuckschutz gesichert ist, hat die Krise auch eine gute Seite. Zu Stoßzeiten drängelten sich früher die Leute im Laden, jeder wollte sofort bedient werden. Zurzeit läuft alles schön der Reihe nach. Ob Lotto-Schein, Camel ohne Filter oder die neue Fernsehzeitung — von Hektik nichts zu spüren. „Das kann so bleiben“, sagt Sylvia Buschmann.

Im Tee-Laden Gschwender hofft Ute Böcking, dass der Berg an feinen Pralinen bald deutlich mehr abgetragen ist. Das Ostergeschäft fand in diesem Jahr nicht statt. Im Gegensatz zu Tee halten sich Pralinen nur begrenzte Zeit. Der Preis ist schon um 50 Prozent gefallen. „Die Kunden sind inzwischen alle sehr sensibilisiert, was den richtigen Abstand betrifft“, sagt Böcking. Dass mehr Beruhigungstee gekauft wurden, kann sie nicht bestätigen.