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Eine Spanierin geht auf Zeitreise

Remscheid : Eine Spanierin geht auf Zeitreise

Antonio Munoz arbeitete in den 1960er Jahren als spanischer Gastarbeiter in Remscheid. Seine Enkelin ist gemeinsam mit ihrem Vater auf Spurensuche gegangen – und zwar bei der Firma Honsberg mit Sitz in Lennep.

Antonio Munoz arbeitete in den 1960er Jahren als spanischer Gastarbeiter in Remscheid. Seine Enkelin ist gemeinsam mit ihrem Vater auf Spurensuche gegangen — und zwar bei der Firma Honsberg mit Sitz in Lennep.

Monatelang hat Anna Munoz Pujol auf diesen Moment gewartet. Und dann ist sie so nervös, dass sie nicht mal den angebotenen Kaffee annehmen mag. Sie hat ihrem Vater einen Wunschtraum zum Geburtstag erfüllt: Den Ort kennenzulernen, an dem sein Vater viele Jahre gearbeitet hat. Fündig wurde sie bei der Firma Honsberg mit Sitz in Lennep, die aber nicht die Firma war, in der ihr Großvater gearbeitet hat.

Standortleiter Hans Müller bewies ein großes Herz und empfing die beiden Spanier dennoch. Er recherchierte und fand heraus, dass der Großvater bei Honsberg Lamb gearbeitet hat, einem Unternehmen im Ortsteil Hasten, das vor einigen Jahren abgerissen wurde.

Mithilfe von Google Maps geht er mit den Spaniern auf Zeitreise in die 60er Jahre, zeigt eine Aufnahme des Hauses, in dem der Großvater wohnte und historische Aufnahmen des Betriebes inklusive des Raumes, in dem die letzte Betriebsversammlung stattfand, auf der die Schließung der Firma verkündet wurde.

Er sieht die Emotionen seiner Gäste und räumt ein, dass das schon sehr bewegend sei. "Ich kann es kaum fassen, dass mein Großvater nach Deutschland ging ohne ein einziges Wort Deutsch zu können", sagt die 21 Jahre alte Hotelfach-Studentin nachdenklich. "Wir können uns immerhin auf Englisch verständigen, aber diese Möglichkeit hatte mein Großvater nicht."

Ihr Vater auch nicht, der aber sofort erkennt, dass er mitunter auch verstanden wird, wenn er sich seiner Muttersprache bedient. Schnell werden viele Fotografien rausgekramt, die seinen Vater zeigen - und ein ganzer Stapel Ansichtskarten, die der Vater seiner zu Hause gebliebenen Familie schickte. Bilder der Alleestraße, als sie noch von Autos befahren werden konnte, die Talsperre, die Müngstener Brücke, aber auch Karten aus Düsseldorf.

Mitgebracht hat er auch zahlreiche Fotos, die seinen Vater zeigen - unter anderem im Kreis seiner Arbeitskollegen und mit einem seiner Vorgesetzten. Er ist hier am falschen Platz, das zu verstehen, fällt ihm schwer. "Es gibt Ortsteile, die heißen Honsberg und auch Familien, die so heißen", erläutert Müller den Katalanen. Nur den Ort und den Namen der Firma zu finden, das reicht nicht. Aber die Spanier haben mit ihm einen Glücksgriff getätigt. Er hat viel Arbeit in die Präsentation gesteckt, um auch einen Blick auf die Wohnverhältnisse zu verdeutlichen. Untergebracht war der Spanier in der Düppelstraße Nr. 17. 1,8 Kilometer ist er von dort aus zu seine Arbeitsstätte gegangen, 24 Minuten pro Tag. Jose Antonio nickt nachdenklich. Sein Vater wurde zu seinem Vater bei einem der seltenen Heimaturlaube, die er sich leisten konnte, um seine Frau und den älteren Bruder zu besuchen.

Antonio Munoz bekam Heimweh und wollte zurück, die Firma versuchte, ihn zu halten. "Es gab das Angebot, dass er seine Familie nachholen könne", erzählt Anna Munoz, aber ihr Großvater blieb skeptisch. "Er hat immer sehr viele Überstunden gemacht. Kollegen hatten ihm erzählt, dass es damit weniger werden würde", schildert ihr Vater die Situation. Bei einem regulären Wochenlohn von 150 D-Mark war das ein Grund zum Nachdenken für den Katalanen, der seine Familie vermisste. "Das war nicht sehr viel Geld", sagt auch Müller. Antonio Munoz entschied sich für die Rückkehr und hatte dadurch die Chance, einen Teil der Kindheit seiner Söhne noch mitzuerleben.

Was er aufgegeben, was er vermisst und was er letztlich in Remscheid auch erlebt hat, eine Idee davon haben Vater und Tochter beim Lesen in einem Buch bekommen, das sie zufällig im Internet entdeckten. Hier schildert Oscar Gomez Calvo auf 296 Seiten "Los Anos sufridos en Remscheid", seine Jahre als Arbeiter in Remscheid.

Dieser Bericht hat ihre Sicht auf die Deutschen geprägt, umso überraschter sind sie bei der Begegnung mit Hans Müller. "Wir haben gedacht, die Deutschen sind sehr bürokratisch", übersetzt sie für ihren Vater - und macht schließlich am Ende des Gespräches eine lässige Handbewegung, bevor sie ergänzt: "Mein Vater sagt, Sie sind eher wie ein Spanier."

(RP)