1. NRW
  2. Städte
  3. Remscheid

Eine Remscheiderin, die Brücken baut

Interview Sabine Thillaye : Eine Remscheiderin, die Brücken baut

Sabine Thillaye sitzt in der französischen Nationalversammlung. Im Interview spricht sie auch über ihre Geburtsstadt.

Ihre Wurzeln liegen in Remscheid, seit mehr als 30 Jahren lebt sie in Frankreich und seit zwei Jahren mischt sie politisch mit: Sabine Thillaye sitzt in der Französischen Nationalversammlung, ist Vorsitzende des Europaausschusses und Mitglied der deutsch-französischen parlamentarischen Arbeitsgruppe. Im Interview spricht die Juristin und dreifache Mutter mit doppelter Staatsbürgerschaft über ihre Identität, ihre Wünsche für Europa und ihre Erinnerungen an ihre Geburtsstadt.

Sie wurden in Remscheid geboren: Wie erinnern Sie sich an Ihre Geburtsstadt? Können Sie im Rückblick entdecken, dort geprägt worden zu sein?

Thillaye Ich erinnere mich nicht nur, sondern das Bergische Land gehört auch weiterhin zu meinem Leben. Ich bin mehrmals im Jahr in Remscheid und Umgebung. Die Landschaft mit ihren herrlichen Ausblicken und vor allem die Wälder haben für mich immer noch eine große Anziehungskraft. Eine der Partnerstädte von Wermelskirchen, Loches, liegt übrigens in meinem Departement. Und Meinerzhagen, zwar nicht mehr im Bergischen Land, aber nicht sehr weit weg von Remscheid, ist die Partnerstadt meiner französischen Heimatstadt Saint-Cyr-sur-Loire. Die Verbindungen bleiben also bestehen und werden in Zukunft hoffentlich noch wachsen.

Welche Wünsche und Visionen haben Sie in Ihrer Kindheit und Jugend begleitet?

Thillaye In meiner Kindheit wollte ich wegen der vielen Pferdezuchten im Münsterland leben. In meiner Jugendzeit habe ich mich sehr für Geschichte interessiert, unter anderem für die europäische Geschichte. Später ist aus der Neugier dann eine wachsende Begeisterung für die europäische Idee und den grenzüberschreitenden Austausch geworden.

Wann haben Sie Deutschland verlassen? Und können Sie uns rückblickend an dem Entscheidungsprozess teilhaben lassen?

Thillaye 1983 habe ich einen Franzosen geheiratet und entschieden, in Frankreich zu leben. Dass ich irgendwann als Abgeordnete in der Nationalversammlung sitzen würde habe ich damals nicht geahnt, so viel kann ich Ihnen verraten.

Wie haben Sie als Deutsche das neue Zuhause in Frankreich erlebt?

Thillaye Ich habe ein bisschen gebraucht, um anzukommen. Trotz der engen Verbindungen unserer beiden Länder markiert die Grenze neben der Sprache noch zahllose andere Unterschiede, die man oft erst nach und nach entdeckt und mit denen man umzugehen lernen muss. Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Regeln und Verhaltensweisen. Aber am Ende sind es ja genau diese Unterschiede, die unser Verhältnis zum Nachbarland spannend machen und die uns anziehen – ob um in den Urlaub zu fahren, oder um auf der anderen Seite der Grenze zu leben.

Franzosen und Deutsche: Was unterscheidet uns? Und was verbindet uns?

Thillaye Mit Blick auf meine Arbeit als Abgeordnete würde ich zwei Ebenen unterscheiden: Da wären zunächst historisch gewachsene Unterschiede, oft abstrakt und im Alltag kaum wahrnehmbar. Daneben fallen mir auch nach den vielen Jahren noch die Unterschiede im Arbeitsalltag und in der persönlichen Beziehung der Menschen zu Staat und Land auf. Deutsche kommen oft schneller zum Kern der Sache, Franzosen legen viel Wert auf die Form, das sind Mentalitätsunterschiede, über die man nicht vorschnell urteilen sollte. Mit einer Einteilung in „besser“ und „schlechter“ kommt man nicht weiter, jede Verhaltensweise hat je nach Situation ihre Vor-und Nachteile.

Sie haben sich früh für europäische Projekte eingesetzt: Warum?

Thillaye Das europäische Einigungsprojekt fasziniert mich nach wie vor. Man kann nicht oft genug betonen, dass es etwas Vergleichbares noch nie gegeben hat. Meine Biographie zeigt, wie sehr ich persönlich vom europäischen Einigungsprozess profitiert habe. Aber meine europäischen Überzeugungen gehen über das persönliche, anekdotische weit hinaus. Sowohl meine berufliche als auch meine ehrenamtliche Arbeit hat mich in der Überzeugung bestärkt, dass die europäische Zusammenarbeit eben nicht nur bei EU-Gipfeln in Brüssel Wert hat. Gerade unternehmerische oder gemeinnützige europäische Zusammenarbeit muss gefördert werden, den vielen Bürgerinitiativen muss entgegengekommen und geholfen werden, weil die europäische Ebene in vielen Bereichen die effizientere ist.

Was wünschen Sie sich für Europa? Was fehlt?

Thillaye Europa muss in den kommenden Jahren aus dem permanenten Krisenmodus hinaus finden. Die Mitgliedsstaaten müssen sich als Schicksalsgemeinschaft begreifen. In Erwartung des Ausscheidens Großbritanniens aus der EU sind die verbleibenden 27 Mitgliedsstaaten in den vergangenen Monaten auffällig zusammengerückt. Zu gemeinsamen Zielen zu finden, muss in der kommenden Legislaturperiode absolute Priorität haben.

Wenn Sie könnten, wie Sie wollten: Was würden Sie als erstes für Europa umsetzen wollen?

Thillaye Die Europäische Union muss international endlich die politische Schlagkraft gewinnen, die ihrem wirtschaftlichen Gewicht entspricht. Der größte Binnenmarkt, die am weitesten integrierte Freihandelszone der Welt – diese Errungenschaften müssen in den kommenden Jahren politisch verteidigt werden.

Sie schlossen sich der Idee Emmanuel Macrons an und gingen in die Politik. Warum?

Thillaye Meine Kandidatur folgte 2017 dem Wunsch, mein europäisches und unternehmerfreundliches Engagement im Parlament fortzusetzen. Emmanuel Macron und En Marche hatten unter anderem auch das Ziel, den Frauenanteil im Parlament zu erhöhen sowie ideologische Grabenkämpfe zwischen rechts und links zu überwinden.

Wie erleben Sie die Politik heute? Wie viel Frust muss man aushalten? Wann haben Sie gefeiert?

Thillaye Die Schnelllebigkeit der politischen Agenda ist oft frustrierend. Die Gefahr der Oberflächlichkeit ist in den vergangenen Jahren insbesondere durch die sozialen Netzwerke rapide gewachsen. Aber es gibt auch Momente, die Zufriedenheit bringen. Zuletzt ging mir das anlässlich der Unterschrift des Aachener Vertrags so. Auch der anstehenden Unterzeichnung des deutsch-französischen Parlamentsabkommens sehe ich mit großer Spannung entgegen.

Spielt es in Ihrem politischen Alltag in Frankreich eine Rolle, dass Sie in Deutschland geboren wurden?

Thillaye Meine deutsche Herkunft steht in der alltäglichen Arbeit im Parlament eher im Hintergrund. Natürlich pflege ich gute Kontakte zu meinen Kollegen im Bundestag. Im besten Fall gelingt es mir, mit meiner Arbeit Brücken zwischen Frankreich und Deutschland zu bauen.

Wie viel Remscheiderin, wie viel Deutsche, wie viel Französin steckt heute in Ihnen?

Thillaye Da ziehe ich mich aus der Affäre und sage, dass ich alle drei als Teile meiner europäischen Identität begreife. Für mich lässt sich das ohnehin nicht klar trennen, da bin ich wieder bei Ihrer Frage nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Franzosen. Identität ist am Ende immer etwas sehr persönliches. Wir, Franzosen wie Deutsche, sollten uns davor hüten, Fragen der Identität zu abstrahieren und zu politisieren. Die eigene Identität mit anderen zu vergleichen, sollte etwas Persönliches und nichts Politisches sein.