Remscheid: Eine phänomenale Leistung am Schachbrett

Remscheid: Eine phänomenale Leistung am Schachbrett

Willi Stollwerk spielt seit mehr als 80 Jahren Schach. Der mittlerweile 91-Jährige tritt immer noch als Turnierspieler an.

Schachspieler Willi Stollwerk ist in der Lokalpresse kein Unbekannter. Schon vor rund 20 Jahren erschien ein Artikel über den Remscheider, der damals bereits seit 60 Jahren Turnierschach spielte. Inzwischen ist Stollwerk 91 Jahre alt, lebt in einem Pflegeheim in Radevormwald und mischt weiterhin kräftig beim Turnierschach mit.

"Stehen bei Schwarz-Weiß Remscheid Termine an, zum Beispiel der Kampf um die Vereinsmeisterschaft, hole ich Willi ab und fahre ihn zum Spiellokal", erzählt sein guter Freund Jürgen Ferger (52), der Mitglied im selben Schachverein ist. Stollwerk, ein gläubiger Katholik, ist sein Firmpate, und Ferger fühlt sich ihm eng verbunden. Jedoch hat er mittlerweile eine deutlich höhere Deutsche Wertungszahl (DWZ) als sein Pate, der mit einer aus Altersgründen gesunkenen DWZ von fast 1400 Punkten als Teil der 3. Mannschaft in der 1. Bezirksklasse aber noch locker mithalten kann.

Obwohl der Rentner stark eingeschränkt ist. "Ich sehe nicht gut", sagt Stollwerk, der im Zweiten Weltkrieg sein linkes Augenlicht durch eine Phosphorbombe verlor. "Ich habe noch eine Sehkraft von 40 Prozent auf dem rechten Auge", fügt der frühere Stadtmeister im Schach hinzu und zeigt, in welchem Abstand er sich ans Brett setzen muss, um die Partien zu überblicken.

Wegen seiner Einschränkungen, darunter auch die Folgen einer Kinderlähmung, muss Stollwerk, der das Schachspiel kurz vor Kriegsbeginn bei der katholischen Jugend erlernte, allerdings keine Züge mehr notieren. "Das würde ihn zu viel Zeit kosten", sagt Klaus Münich (49) als erster Vorsitzender des Vereins zu der Ausnahmeregelung. Für Münich, der seit gut zehn Jahren an der Spitze von SW Remscheid steht, ist das älteste Mitglied seines Vereins ohnehin ein Phänomen: "Willi spielt schon seit Ewigkeiten und ist dennoch voller Enthusiasmus. Das ist absolut bewundernswert", sagt der promovierte Physiker, der ebenfalls aus Remscheid stammt, mittlerweile aber in Wuppertal wohnt. Stollwerk ist in seinen Augen "ein wandelnder Beleg dafür, dass man Schach bis ins hohe Alter sehr erfolgreich spielen kann". Und das auch noch in einem Verein, der nicht gerade als Klub der Pensionäre zu bezeichnen ist. "Dank der ausgezeichneten Jugendarbeit unseres Trainers Holger Freiknecht besteht die Hälfte unserer Mitglieder aus Kindern und Jugendlichen", sagt Münich: "Echte Rentner haben wir nur eine Handvoll."

Dafür aber eben diesen einen, der seit 1989 Ehrenmitglied des Schachbezirks Bergisch Land ist und als einziger Spieler auf der aktuellen Liste des Schachbundes Nordrhein-Westfalen den außerordentlichen Ehrenbrief für eine 75-jährige Mitgliedschaft erhalten hat. Das war im Jahr 2014. Ein Gespräch mit Stollwerk wird schnell zu einer Reise in die Zeitgeschichte. Da sind zum Beispiel die Rückblicke auf die Kriegsjahre in seiner Heimat und den Aufenthalt in einem Lazarett. Und der Verlust seiner Ehefrau, wenige Monate vor der Goldenen Hochzeit. "Das hat mich am meisten getroffen", sagt er. Angelika habe ihm immer den Rücken freigehalten. Ohne sie hätte er vieles nicht geschafft - sein politisches Engagement auf lokaler Ebene oder die langjährige Jugendarbeit mit Grundschulkindern, denen er das Schachspiel vermittelte. Er organisierte auch tonnenweise Hilfsgüter für die Ukraine, als das Land 1991 unabhängig wurde.

Auch die unzähligen Schachmeisterschaften, an denen Stollwerk bis Anfang der 80er erfolgreich teilnahm, wären ohne die Unterstützung und Nachsicht seiner Gattin nicht möglich gewesen, sagt er. Dabei sei er nie von Ehrgeiz besessen gewesen, sondern habe Schach immer nur als unterhaltsames Spiel angesehen, ganz im Gegensatz zu Brettspielen wie Mühle, "bei denen man nur die Steine ein bisschen hin- und herschiebt".

Ein verständlicher Satz aus dem Mund eines Schachspielers, der nach Angaben von Trainer Holger Freiknecht "um 1990 noch eine DWZ von circa 1750 hatte". Zu diesem Zeitpunkt war Stollwerk deutlich über 60 Jahre alt und seit drei Jahren pensioniert. Eine starke Leistung für einen Menschen, der in den entbehrlichsten Jahren seines Lebens, als Deutschland am Boden lag, nicht einmal über ein Schachbrett verfügte.

"Das hat uns im Krieg allerdings nicht gestört", sagt Willi Stollwerk. "Wenn wir als junge Burschen kein Brett mit Figuren zur Verfügung hatten, bastelten wir uns die Figuren selbst. Wenn das auch nicht möglich war, spielten wir Blindschach im Kopf. Das geht ganz gut. Man muss sich einfach nur die Züge merken."

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