Hilfe aus Remscheid : Ein neues Bein für Greg

Auf dem Jakobsweg traf Ina Massing den Polen Grzegorz Polakiewicz, dem ein Bein fehlte. Sie lief ihm nach, lud ihn nach Remscheid ein und schenkte ihm eine Prothese.

Viele Menschen sehen im Jakobsweg eine Herausforderung. Knapp 800 Kilometer ist der Pilgerweg lang, verläuft von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela nahe der Westküste Spaniens. Und zugegeben: Nicht jeder pilgert die ganze Route entlang.

Ina Massing, Inhaberin des Remscheider Sanitätshauses Goll & Schracke, war im April mit ihrem Mann auf dem Jakobsweg unterwegs. „Dabei trifft man immer wieder auf andere Pilger“, sagt sie. Mit Grzegorz Polakiewicz hatte sie allerdings nicht gerechnet. „Auf einmal sah ich da einen Mann, dessen Unterschenkel amputiert war, mit Krücken auf dem Jakobsweg gehen“, sagt Massing. Sie lief ihm nach und ließ sich Polakiewiczs Geschichte erzählen.

25 Jahre war Grzegorz Polakiewicz, genannt Greg, alt, als er sein Bein verlor. „Ich bin Diabetiker“, sagt er. Dass die Schmerzen im linken Unterschenkel damit zusammenhingen – darauf kam niemand. Greg dachte anfangs, ihn hätte etwas gestochen. Doch die Schmerzen wurden schlimmer. Schließlich traf er auf einen Arzt aus der Schweiz. Der sah sich das Bein an und verkündete die unheilvolle Diagnose: Das Bein war nicht mehr zu retten, musste amputiert werden.

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Gregs Leben änderte sich: Er brach sein Theologiestudium ab – ursprünglich wollte er Priester werden – und stellte sich auf ein Leben mit einem Bein ein. „Ich habe es als neue Phase in meinem Leben gesehen. Als Herausforderung und Chance“, sagt er. Sechs Jahre ist es jetzt her, dass er sein Bein verloren hat. Er vergrub sich nicht, sondern besuchte stattdessen den Vatikan. Stolz zeigt er Fotos auf seinem Handy, die ihn zusammen mit Papst Franziskus zeigen.

Der Jakobsweg, der gehörte auch zu seinem neuen Leben dazu. „Das war schon mein großer Traum, als ich noch beide Beine hatte. Mit einem habe ich ihn mir dann erfüllt“, sagt er. Im vergangenen Jahr lief er 600 Kilometer weit. Die Etappe im April war kürzer – aber sie eröffnete eine der Chancen, von denen Greg spricht.

Nach dem Treffen mit Greg war Ina Massing zunächst überwältigt. „Ich war so traurig. Und irgendwie verschämt. Man denkt da ja doch an die kleinsten eigenen Sorgen, die man hat. Dann war Greg auch noch so positiv – es war ein Mix aus allen möglichen Gefühlen“, beschreibt sie es heute. Als sie ihn ein paar Tage später wiedersah, sprach sie ihn an und lud ihn nach Deutschland ein. „Es überkam mich einfach. Ich sagte, komm nach Deutschland, wir machen dir eine Prothese. Am Anfang hat er mir nicht geglaubt“, erinnert sie sich.

Jetzt war es so weit: Nach sechs Jahren trägt der 31 Jahre alte Grzegorz Polakiewicz zum ersten Mal eine Prothese. „Es fühlt sich toll an, ich bin so aufgeregt“, beschreibt er seine Gefühle. Angepasst hat die Prothese Massings Bruder Torsten. „Das ist eine Interimsprothese, wie sie sonst frisch Amputierte bekommen“, erklärt er. Der Vorteil: Sie lässt sich anpassen, sollte sich das Bein durch das Tragen der Prothese noch verändern. Etwa ein halbes Jahr wird Greg sie tragen. „Und dann muss er noch mal nach Remscheid kommen“, sagt Massing. Auch die dauerhafte Prothese wird ihm von Goll & Schracke spendiert. Allein hätte sich Greg die Prothese nicht leisten können. In Deutschland kommt die Krankenkasse für die rund 8000 Euro auf. In Polen gibt es lediglich einen Zuschuss. „Der liegt bei
500 Euro“, sagt Greg.

Noch braucht Greg trotz Prothese die Krücken, um zu laufen. Schließlich hat er das linke Bein seit sechs Jahren nicht nutzen können – das Gehen muss er erst wieder neu lernen. Zum Glück hat Massing auch dafür eine Lösung gefunden. Ihr Mann, Dr. Reiner Vogt, arbeitet als Chefarzt in der Weserland-Klinik in Petershagen und hat Greg eingeladen, dort zwei Wochen Lauftraining zu machen.

Damit das gut funktioniert, hat Greg in den vergangenen Wochen vier bis fünf Stunden am Tag trainiert, um seine Oberschenkelmuskulatur zu stärken. Denn er hat einen großen Wunsch: Ende August heiratet sein bester Freund und er will ihn an den Altar geleiten. Mit der neuen Prothese. Ohne Krücken.