1. NRW
  2. Städte
  3. Remscheid

Remscheid: Ein Leben für das Schach

Remscheid : Ein Leben für das Schach

Es gab Zeiten, in denen Ulrich Waagener vier Stunden am Tag Schach gespielt hat. Der frisch pensionierte Jurist hat als junger Mann sogar in der Bundesliga mitgemischt. Und er spielt immer noch auf einem hohen Niveau.

Wer Ulrich Waagener (64) nach dem Erfolgsrezept siegreicher Schachspieler fragt, erhält den Eindruck, dass Fleiß das A und O sei. "Es gab Zeiten, in denen ich vier Stunden am Tag Schach gespielt habe", sagt der gebürtige Oberhausener, der seit 25 Jahren in Remscheid lebt. Hier angelte er sich Anfang März seinen zehnten Stadtmeister-Titel.

"Das dürfte eine niemals mehr einzuholende Serie ein", glaubt sein Mannschaftskollege Holger Freiknecht und verrät, warum es so schwierig sei, sich auf Waagener vorzubereiten: "Sein Eröffnungsrepertoire ist nicht so eng, und er spielt immer wieder Nebenvarianten, mit denen er die Gegner überrascht." Auch Klaus Münich, Vorsitzender von Waageners Verein SW Remscheid, zeigt Respekt vor dem frisch pensionierten Juristen: "Ulrich hat als junger Mann sogar in der Bundesliga gespielt. Das merkt man auch in Partien gegen ihn. Er kommt gegen mich meistens nicht in schlechte Stellungen." Zudem sei er derjenige Kollege, der die meisten Turniere gespielt habe.

Und doch gebe es inzwischen einen vereinsinternen Konkurrenten, dem es gelungen sei, Waagener bei der Deutschen Wertungszahl, kurz DWZ, zu überrunden. Es handle sich um Alptug Tayyar, den jüngsten Spieler der ersten Mannschaft. Tayyar habe aktuell eine DWZ von knapp 2100 Punkten und sei damit 100 Punkte besser als Waagener.

  • Ist in Neuss geboren und aufgewachsen:
    Eishockey : Neusser EV setzt auf Spieler mit Heimatbezug
  • Die Jubilare in Uedem (von links):
    Jubilare : Schachklub Uedem zeichnet Routiniers aus
  • Vom Bubi zum Boss : Klarer ist Fortunas neuer Abwehrchef

Ein Blatt, das sich aus Sicht der Vereinskollegen indes wieder wenden könnte: "Ulrich spielte noch vor einiger Zeit auf Alptugs Niveau", sagt Münich. Auch Freiknecht sieht in Tayyar keinen unanfechtbaren Favoriten: "Bei einer Differenz von 100 Punkten liegt die Gewinnerwartung des Besseren bei 64 Prozent." Von einer Chancenlosigkeit Waageners könne da nicht die Rede sein. Zumal der ältere Mannschaftskollege eine Überzeugung hat, die ihn nach eigenen Angaben von vielen anderen Senioren unterscheidet: "Ich glaube fest daran, dass man durch Training sein Leistungsniveau und seine Konzentrationsfähigkeit auch im fortgeschrittenen Alter bewahren oder sogar steigern kann."

Vor allem die Wahrung der Konzentrationsfähigkeit sei wichtig, weil sich daraus bei Mannschaftswettkämpfen oder offenen Turnieren heutzutage sogar ein Vorteil gegenüber Jüngeren ziehen lasse. Das jedoch aus einem Grund, den er besorgniserregend findet: "Ich beobachte zunehmend, dass es vielen jugendlichen Spielern schwerfällt, sich lange zu konzentrieren. Vermutlich liegt das an den Smartphones, von denen leider auch viele junge Schachspieler in ihrer Freizeit nicht lassen können." Zum Glück habe es diese Geräte in seiner Jugend nicht gegeben. So habe er nicht dagegen ankämpfen müssen: "Meine Eltern waren lediglich besorgt, dass ich vor lauter Schachspielen das Abitur nicht schaffen könnte." Ein schulischer Überflieger sei er nicht gewesen: "Ich habe mir alles erarbeiten müssen."

Das gelte auch für die Erfolge beim Schach, die er reichlich eingefahren hat: Mit 17 Jahren wurde Waagener NRW-Pokalsieger und stieg in die höchste Spielklasse im deutschen Mannschaftsschach auf. Später triumphierte er mehrfach als Sieger bei Bezirksmeisterschaften und schaffte es sogar bei NRW-Meisterschaften, sich in den oberen Rängen zu platzieren. Auch jetzt, als Senior, lässt er nicht locker und mischt erfolgreich bei der Deutschen Einzelmeisterschaft für Herren über 60 mit. Denn inzwischen habe er ja wieder Zeit, sagt Waagener und gibt zu, wie sehr es ihn früher geärgert habe, "dass man sich mit Schach nicht den Lebensunterhalt verdienen kann".

Was nicht heiße, dass er ungern als Anwalt gearbeitet habe oder mit seiner Kanzlei in Honsberg unzufrieden gewesen sei. "Es war bloß schwer, meinen Beruf und Schach unter einen Hut zu bringen, und da träumt man dann schon ab und an davon, wie ein Fußballspieler vom sportlichen Erfolg leben zu können." Er wisse jedoch auch, dass Schach "eben nicht publikumswirksam" sei: Man dürfe nicht "laut grölen, wenn man einen Sieg einfährt", und es habe auch "kaum jemand Lust, sich stundenlang eine stille Partie anzusehen".

Dagegen seien gute Schachspieler aber nicht gefeit: "Meine längste Partie, die ich leider verloren habe, ging über 110 Züge und dauerte sechs bis sieben Stunden." Und dann verrät Waagener noch, gegen welche Spieler er gar nicht gerne antritt: "Meine Angstgegner sind die Mäuschen, wie wir sie nennen. Das sind Leute, die total passiv spielen und hoffen, dass dem Gegner ein Fehler unterläuft." Es gebe da ein prominentes Beispiel: "Unser Weltmeister, der Norweger Magnus Carlsen, ist ein Defensivspieler par excellence." Kein bisschen kampfbereit und "mir persönlich viel zu trocken". In seinen Augen sind eher die Angreifer verehrenswert: "Spieler wie Kasparow haben nicht in kleinen Schritten Punkte gesammelt, sondern offen auf den König gerichtet gespielt." So mache Schach auch ihm am meisten Spaß - "als Kampfsport und nicht bloß als Sport für den größten Denker".

(RP)