Hans-Ulrich Sander: Ein Brückenbauer in der JVA

Hans-Ulrich Sander: Ein Brückenbauer in der JVA

Hans-Ulrich Sander kümmert sich ehrenamtlich um einen Gefangenen.

Als Hans-Ulrich Sander mit 63 Jahren in den Ruhestand ging, war ihm schnell klar, dass sein neues Leben nicht nur aus Ruhe bestehen soll. "Ich habe mich immer schon ehrenamtlich engagiert", erzählt der Sachverständige beim TÜV Rheinland. In seiner Berufzeit hatte er zehn Jahre als ehrenamtlicher Richter am Landgericht Wuppertal gearbeitet. "Da haben wir auch lange Haftstrafen verhängt". Schon damals fragte er sich: "Was wird aus den Menschen, die wir ins Gefängnis schicken? Wie ergeht es ihnen dort?" Die Erzählungen, wonach es sich einer Justizvollzugsanstalt "wie in einem Hotel" lebt, wollte er schon damals nicht glauben.

Über die Remscheider Freiwilligenagentur "Die Brücke", die Menschen in Ehrenämter vermittelt, kam Sander nach seiner Pensionierung in Kontakt mit dem Katholischen Gefängnisverein Bergisch Land. Der bildete ihn und andere Teilnehmer in einem Kursus zum ehrenamtlichen Betreuer aus. Dazu gehörte auch der Besuch von drei Haftanstalten im Bergischen Land. Schon da war klar: Von Hotelbetrieb kann in den JVAs keine Rede sein.

Seit rund einem halben Jahr betreut Sander einen Häftling in der Justizvollzugsanstalt Lüttringhausen an der Masurenstraße. Alle zwei Wochen besucht er den Mann, der dort wegen einer schweren Straftat eine lange Haftstrafe absitzt. Der Akademiker brauche einen Gesprächspartner, mit dem er sich auch intellektuell auseinandersetzen könne, hatte ihm der katholische Gefängnisseelsorger Martin Böller mit auf den Weg gegeben.

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Die Familie habe den Kontakt zu dem Mann abgebrochen, berichtet Sander. Er ist für ihn nun die Brücke zur Außenwelt, ist geduldiger, auch mal kritischer Zuhörer und praktischer Helfer zugleich. So hat er unlängst mit ein paar Telefonaten bei Versicherungen sichergestellt, dass der Schadensfreiheitsrabatt des Häftlings auf sein Auto nicht verfällt. Dass Sander seit seiner Zeit beim TÜV "gut vernetzt" ist, kommt ihm nun zugute. Aber es geht auch um emotionale Themen wie eine Kontaktaufnahme zur Familie.

Sander ist optimistisch, dass er bei seiner Betreuungsarbeit die richtige Mischung aus "Distanz und Nähe" im Umgang hinbekommt. Er behalte die Kontrolle. Darum hat er seinem Schützling auch seine Telefonnummer gegeben, damit sie in dringenden Fällen telefonieren können. Zwei Anrufe gab es bisher .

"Dieses Ehrenamt gibt mit viel", sagt er. Es sei für ihn die Chance, fünfzehn Jahre nach seiner Arbeit am Landgericht offene Fragen beantwortet zu bekommen. Ein laues Leben im Knast? Davon könne keine Rede sein. Den Knastalltag erlebt er bei seinen Besuchen als hart und bedrückend. Ans Aufhören verschwendet er keinen Gedanken.

(hr)