Dr. Frank Neveling: Männer mögen keine Vorsorge

Gesundheit : Männer mögen keine Vorsorge

Dr. Frank Neveling, Leiter des Gesundheitsamtes, plädiert für das Erlernen von Techniken im Umgang mit Stress.

Herr Dr. Neveling, Frauen gehen regelmäßig zum Frauenarzt, Männer aber nicht regelmäßig zum Urologen, dem Männerarzt. Woran liegt das?

Neveling Männer sind bekanntermaßen Vorsorgemuffel. Das liegt in ihrer Mentalität. Die Wahrnehmung auf Körpersignale und der sorgenvolle Umgang mit dem eigenen Körper mit Blick auf die Gesundheit ist bei den Frauen stärker ausgeprägt.

Wie oft sollte ein Mann zur Vorsorge gehen?

Neveling Es gibt Empfehlungen. Aber es gibt auch einen Check-up. Das sind meist privatrechtliche Untersuchungen, die man selber zahlen muss. Da ist dann immer die Frage, was ist es mir wert oder nicht wert. Auf der einen Seite geben manche Menschen im Jahr auch mal schnell 2000 Euro für Zigaretten, leckeres Essen oder Bier oder Wein aus, auf der anderen Seite sagen die meisten, 300 Euro für eine umfängliche Untersuchung seien ihnen zu teuer.

Gibt es genügend Aufklärung und Information darüber, wie sinnvoll eine Vorsorgeuntersuchung beim Arzt sein kann?

Neveling Aufklärung gibt es genug. Wer sich erkundigen möchte, kann das tun. Es gibt zum Beispiel die Spee-Akademie in Remscheid mit wechselnden Vorträgen, die Krankenkassen haben entsprechende Themen, die Apotheken haben die Apotheken-Umschau, und die vielen Informationen im Internet. Bei den Männern gibt’s aber eher die Haltung, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Mehr Männer als Frauen werden alkoholkrank. Sind Männer anfälliger für Sucht?

Neveling Ich glaube, es ist mehr historisch und gesellschaftlich bedingt. Ich war kürzlich in Persien und in Isfahan in einer alten Villa. Dort hing eine Wandmalerei, die etliche hundert Jahre alt ist. Das Bild zeigt die Bevölkerung, den Regenten mit seiner Gefolgschaft und den betrunkenen Europäer. Der Genuss von Alkohol ist in Europa relativ weit ausgeprägt.

Männer bringen sich im Vergleich zu Frauen häufiger um, heißt es. Hat der Mann es schwerer, mit Depressionen umzugehen?

Neveling Ich glaube nicht, dass Männer sich häufiger umbringen. Sie sind nur beim Suizid erfolgreicher. Frauen erkranken häufiger an einer Depression.

Wie gehen Männer mit Depressionen um?

Neveling Da gibt es zum einen den großen Verdrängungsmechanismus und die Einstellung, ich muss stark sein. Deshalb setzt die Diagnostik später ein als bei den Frauen.

In den vergangenen Jahren ist aber ein Umdenken zu beobachten, dass Depressionen etwas sind, was man nicht unbedingt mehr verbergen muss.

Neveling Ja, das hat verschiedene Gründe. Wir haben eine Enttabuisierung der psychischen Erkrankungen im Allgemeinen. Wir haben mehr Therapeuten. Vor 30 bis 40 Jahren gab es kaum Psychotherapeuten. Heute deutlich mehr. In der Psychiatrie ist man auch bemüht, die psychischen Störungen möglichst früh zu erkennen und frühe Hilfestellungen zu geben. Das fängt bei Schuleingangsuntersuchungen an. In Remscheid gibt es ein sehr gutes Hilfesystem wie zum Beispiel das Sozialpädiatrische Zentrum oder auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Sana-Klinikum.

Deutsche Männer werden immer dicker. 65 Prozent haben Übergewicht. Was bedeutet das für den Lebensstil?

Neveling Mit der Wohlstandskultur hat sich das Konsumverhalten geändert. Es wird nicht mehr frisch gekocht wie früher, als die Frau noch am Herd stand. Weil es einfacher und schneller geht, gibt es diese Fast-Food-Kultur. Wenn sie nur eine halbe Stunde Mittagspause haben, gibt es eben eher Nudeln, Schnitzel und Pommes. Kommt noch Bewegungsmangel dazu, nehme ich unweigerlich zu.

Männer sterben im Schnitt früher als Frauen. Ist das genetisch bedingt?

Neveling Die Genetik können wir nicht negieren. Aber auch körperliche Belastungen kommen als Ursache hinzu. Und auch ein bisschen, dass Männer weniger Vorsorgeleistungen in Anspruch nehmen.

Können Sie drei Verhaltensweisen nennen, die gut sind für die Männergesundheit?

Neveling Als erstes nenne ich den guten Umgang mit der eigenen Psyche. Dazu gehört Stressabau. Man sollte versuchen, Techniken zu entwickeln, wie man die Anforderungen des täglichen Lebens im Beruf und im Privaten, die ja nicht immer leicht sind, gut zu verarbeitet. Jeder muss selber entscheiden, mit welcher Technik er das machen möchte. Dazu gibt es ja viele Kurse. Als zweites ist es die Ernährung. Ich muss schauen, was ich esse und wie viel ich esse. Und das Dritte ist Bewegung. Zwei- bis dreimal in der Woche zumindest sollte man eine Stunde Bewegung haben. Ob das ein Spaziergang mit dem Hund, oder Walking mit Stöcken oder Laufen, Schwimmen oder Fahrradfahren ist, spielt keine Rolle. Ich sollte das wählen, was zu mir passt.

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