Diebe stehlen Erinnerungsstücke

Remscheid : Diebe stehlen Erinnerungsstücke

Fassungslos hockt Daniela Behle am Grab ihres Sohnes auf dem Evangelischen Stadtfriedhof. Unbekannte haben Spielzeug mitgenommen, mit dem sie das Kindergrab geschmückt hatte.

Aaron wollte 100 Jahre alt werden. Das schaffe er schon, sie werde schon sehen, erklärte der todkranke Junge seiner Mutter Daniela Behle. Doch Aaron wurde nur acht. Im August vergangenen Jahres starb er an den Folgen einer seltenen Autoimmunerkrankung. Daniela Behle stellte ihrem Sohn Spielzeug auf das Kindergrab. Einen Teddybär, Engelchen, ein Spielzeugauto, ein Ritterschwert. Und Playmobilfiguren, „weil er die so liebte“, sagt die Remscheiderin. Umso fassungsloser steht sie heute am Grab ihres Sohnes auf dem Evangelischen Stadtfriedhof.

Unbekannte haben die Plastikmännchen abgeräumt und mitgenommen wie eine kleine Katzenfigur aus Glas, die die 15-jährige Schwester ihrem kleinen Bruder mitgebracht hatte. „Wer tut so etwas?“, fragt Daniela Behle. Auf eine Antwort darf die trauernde Familie vermutlich nicht hoffen. Gute Aussichten, die Verursacher zu ermitteln, hat die Polizei vor allem dann, „wenn wir die Täter auf frischer Tat ertappen oder wenn Zeugen eine möglichst genaue Täterbeschreibung abgeben können“, sagt Polizeisprecher Stefan Weitkämper.

Im konkreten Fall ist weder das eine noch das andere der Fall. Und verwertbare Spuren hinterlassen die Täter in der Regel ebenfalls nicht. In den zurückliegenden Jahren blieben auf den Remscheider Friedhöfen deshalb eine ganze Reihe von Straftaten unaufgeklärt. Das Verschwinden einer schweren Bronzeplatte vom Kath. Friedhof an der Albrecht-Thaer-Straße in Lennep, die Beschädigung des Hasenclever-Engels (Statue aus Marmor) auf dem Stadtfriedhof in Alt-Remscheid und schließlich der brutale Raubüberfall auf eine 76-jährige Frau ebenfalls auf dem Stadtfriedhof zählen zu den spektakulärsten Fällen. Zwar hat es verschiedene Versuche gegeben, die Friedhöfe zu verschließen und damit sicherer zu machen. Gefruchtet haben sie nicht.

„Wenn jemand auf einen Friedhof gelangen will, dann schafft er das auch“, sagt Pfarrer Jens Eichner. Er ist zuständig für die Grabfelder der Evangelischen Stadtkirchengemeinde und spricht von einem wiederkehrenden Problem, das in Wellen auftritt. Von Vandalismus und Diebstahl seien zudem alle Friedhöfe betroffen, zum Beispiel auch der Südfriedhof in Bliedinghausen. Doch, sagt Jens Eichner: „Der Stadtfriedhof hat aufgrund seiner Lage und seines speziellen Umfeldes schon einen schweren Stand.“

Und natürlich sei es etwas anderes, ob der Gemeinde die Papierspender im Toilettenhäuschen zerstört oder das Klopapier abhanden komme – oder ob einer trauernden Familie das Spielzeug vom Grab ihres Kindes gestohlen wird. „Für die Hinterbliebenen ist das eine Katastrophe“, sagt Citypfarrer Martin Rogalla: „Diejenigen, die so etwas machen, wissen gar nicht, was sie damit bei den Menschen anrichten.“ Vielleicht aber, sucht der Pfarrer nach einer Erklärung, seien es auch spielende Kinder gewesen, die die Playmobil-Figürchen mitgehen ließen.

Vielleicht war es so, doch für Daniela Behle würde das nichts ändern. Sie ging auch gestern zum Grab ihres Sohnes, so wie an jedem Tag. Aarons Tod vor sechs Monaten traf die Familie unvorbereitet. „Zu dem Zeitpunkt ging es ihm gut“, erzählt Daniela Behle. Auf seinem Grab ließ sie auch Aarons Freunden Platz für eigene Mitbringsel. Figürchen aus Überraschungseiern finden sich darauf deshalb ebenso wie selbst gebastelte Kastanien-Männchen. Die immerhin ließen die Unbekannten unberührt zurück.

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