Frank Tammschick: Die "Mission Titelverteidigung" ist möglich

Frank Tammschick: Die "Mission Titelverteidigung" ist möglich

Frank Tammschick ist Vorsitzender des Fußballkreises Remscheid. Er spricht über die anstehende Weltmeisterschaft in Russland, die Glaubwürdigkeit der FIFA und die Möglichkeiten der kleinen Vereine.

Herr Tammschick, haben Sie sich für die Weltmeisterschaft Urlaub genommen?

Interviewpartner Frank Tammschick ist Vorsitzender des Fußballkreises Remscheid. Foto: Wolfgang Weitzdörfer

Frank Tammschick Nein, denn das ließ sich leider nicht mit dem Beruf vereinbaren.

Welche Teams finden Sie sportlich am besten?

Tammschick Natürlich nehmen wieder die großen Favoriten wie Argentinien und Brasilien am Turnier teil. Denen zuzusehen macht einfach Spaß. Viel interessanter finde ich aber, ob es etwa Island gelingt, den Erfolg von 2016 zu wiederholen oder sogar zu toppen.

Wo gibt es im Bergischen die besten Public Viewings?

Tammschick Ich muss ehrlich gestehen, dass ich diese Angebote bislang aus beruflichen Gründen noch nicht nutzen konnte. Was ich allerdings von Freunden und Bekannten gehört habe, ist, dass der Veranstalter des Public Viewings in Remscheid ein gutes Konzept hat. Das konnte auch schon bei der letzten WM und der EM überzeugen. Alle hatten ihren Spaß - und darauf kommt es schließlich an.

Was finden Sie persönlich am besten: vor dem Fernseher, beim Public Viewing oder im Stadion?

Tammschick Ganz klar den Besuch im Stadion. Die Atmosphäre bei Länderspielen sucht ihresgleichen und ist auch nicht mit dem nationalen Ligabetrieb vergleichbar.

Erwarten Sie einen Boom für die Vereine im Zuge der Weltmeisterschaft in Russland?

Tammschick Ja, durchaus, aber ein erfolgreiches Abschneiden der Nationalmannschaft ist dafür ein unverzichtbarer Grundstein.

Wie können die Vereine davon profitieren?

Tammschick Die Vereine könnten einerseits über einen möglichen Zuwachs an Mitgliedern profitieren. Andererseits aber auch über eine entsprechende finanzielle Unterstützung des DFB an die Regional- und Landesverbände. So ist es etwa nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 geschehen. Diese Gelder können für den satzungstechnischen Zweck - also die Förderung des Fußballsports - eingesetzt werden. Den eigenen Nutzen können die Vereine dann aus Schulungs- und Weiterbildungsangeboten ziehen, die der Fußballverein Nordrhein (FVN) für seine Mitgliedsvereine kostenlos anbietet. Aus steuerrechtlichen Gründen ist allerdings die direkte finanzielle Unterstützung der Vereine durch den DFB nicht möglich.

Wie schafft man es überhaupt heute, Kinder und Jugendliche in die Vereine zu holen?

Tammschick Nach einer WM oder EM, die in der Vergangenheit erfolgreich bestritten wurde, ließ sich immer ein Anstieg bei der Erstbeantragung auf eine Spielerlaubnis feststellen. Dieser Effekt ist also durchaus wichtig. Zudem bestehen bereits Kooperationen zwischen Schulen und den Landesverbänden sowie den Kreisverbänden. So unterrichten Trainer etwa Fußball-AGs an Grundschulen. Dadurch wird bei den Kindern auch das Interesse am Vereinssport geweckt. Der FVN hat etwa ein "J-Team" ins Leben gerufen, das Jugendlichen die Möglichkeit gibt, in die einzelnen Facetten des Verbands- und Vereinslebens zu schnuppern. So kann bei den Jugendlichen Interesse geweckt und eine engere Bindung an den Verband oder den Verein generiert werden. Ein weiterer Punkt muss aber auch die Anpassung an die gesellschaftliche Entwicklung sein. So darf und sollte von den Regional- und Landesverbänden der E-Sport Bereich nicht außen vor gelassen werden. Hier liegt definitiv Potenzial für die Zukunft.

Glauben Sie, die aktuelle politische Lage in Russland hat Einfluss auf die Wahrnehmung der WM?

Tammschick Das denke ich schon. Aufgrund der weltpolitischen und der innerrussischen Lage liegt hierauf sicherlich ein Augenmerk. DFB-Präsident Grindel hat dies mit seinem Team erkannt und sicherlich auch aus diesem Grund im Vorfeld der WM mit dem russischen Verband den Dialog gesucht.

Was muss die FIFA machen, um wieder an Glaubwürdigkeit zu gewinnen?

  • Frank Tammschick : Die "Mission Titelverteidigung" ist möglich

Tammschick Das ist eine sehr schwere Frage. Fakt ist, dass die FIFA über die letzten Jahre viel Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren hat. Bei einer solchen Problematik ist in meinen Augen erheblich mehr Transparenz angebracht. Man muss den Mitgliedsverbänden und der Öffentlichkeit zeigen, dass man es mit der Problembewältigung ernst meint.

Glauben Sie, der internationale Fußball hat an Bodenhaftung verloren?

Tammschick Wenn man teilweise die Transfersummen hört oder liest, was dieser oder jener Spieler an Gehalt bekommt, ist diese Frage definitiv mehr als berechtigt. Nehmen Sie nur die Verschuldung des einen oder anderen Clubs! Die Mannschaften sind dazu verdammt, in den Wettbewerben der UEFA möglichst gut abzuschneiden, um die finanziellen Verpflichtungen überhaupt stemmen zu können. Hierzu zählt auch die Problematik des plötzlichen Rückzugs der Hauptsponsoren. Ich sehe bei vielen europäischen Teams keine gesunde Wirtschaftlichkeit mehr. Es ist mittlerweile einfach zu viel von Sponsoren und Merchandising abhängig.

Wie schätzen Sie die spielerische Qualität der deutschen Elf ein?

Tammschick Ich traue dem deutschen Team die "Mission Titelverteidigung" zu. Es ist aber wichtig, dass es dem Trainerteam gelingt, den "Spirit", der vor vier Jahren das Zünglein an der Waage war, in den Köpfen der Spieler zu wecken.

Jogi Löw ist ähnlich lange Nationaltrainer wie Angela Merkel Kanzlerin. Wer bleibt länger im Amt?

Tammschick Durch Erfolge der Nationalmannschaft lassen sich die Emotionen der Menschen verbinden. Jogi Löw hat dadurch zwar entsprechenden Druck, muss aber auch nur alle zwei Jahre einen Erfolg abliefern. Frau Merkel sitzt zwar sicherer im Sattel, muss aber in verschiedenen Gebieten gute Arbeit leisten. Hinzu kommt, dass negative Entwicklungen das Positive schnell wieder überschatten.

Der Kader für die WM ist seit einigen Tagen bekannt - sind Sie zufrieden damit?

Tammschick Ich denke, dass der Bundestrainer mit seinem Stab die in Frage kommenden Spieler ausgiebig beobachtet und sich für die richtige Mischung aus jungen, quirligen Spielern und den erfahrenen, alten Hasen entschieden hat. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Im Großen und Ganzen bin ich mit dem Kader zufrieden.

Kann ein Nationaltrainer bei der Aufstellung eigentlich auch etwas richtig machen?

Tammschick Solange das Team gewinnt, hat der Nationaltrainer alles richtig gemacht.

Hand aufs Herz - für wen schlägt Ihr Herz bei der WM?

Tammschick Für "Die Mannschaft" des DFB.

Und natürlich die Gretchenfrage: Wer wird in Russland Fußball-Weltmeister?

Tammschick Es nehmen viele gute Teams am Turnier teil. Ich hoffe aber, dass es "Der Mannschaft" gelingt, die "Mission Titelverteidigung" erfolgreich abzuschließen und den fünften Stern zu holen. Mit einem Wort: Deutschland.

DAS INTERVIEW FÜHRTE WOLFGANG WEITZDÖRFER

(RP)
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