Remscheid: Der Zeit immer ein Stück voraus

Remscheid: Der Zeit immer ein Stück voraus

Die Akademie Remscheid feiert morgen ihren 60. Geburtstag. Auf dem weiten Feld der kulturellen Bildung hat sie sich im Land einen Namen gemacht. Ohne kulturelle Bildung kann niemand das werden, was er ist.

Wer seinen 60. Geburtstag feiert, steht an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt. Der Horizont der Lebensmöglichkeiten verengt sich, die Zahl erreichbarer Ziele wird kleiner. Dieser Gang der Dinge gilt für Privatpersonen. Nicht für Institutionen, die wie die Akademie Remscheid morgen ihren 60. Geburtstag feiern. Ihre Horizonte weiten sich und lassen neue Möglichkeiten zu, ohne die alten Ziele zu vernachlässigen.

Die Akademie spielt in der Champions League der Fortbildungsinstitute. Sie hat es über die Jahre geschafft, sich konzeptionell und personell qualifiziert zu erneuern. In dem Flachdachbau am Rande der Stadt ist immer auch ein bisschen vom Geist der Zukunft zu spüren. In Küppelstein muss man seiner Zeit immer etwas voraus sein.

Professor Bruno Tetzner, der Gründer, zählt zu den Pionieren der kulturellen Bildung. Früh erkennt der ehemalige stellvertretende Kulturamtsleiter von Remscheid in den 1950er-Jahren, dass Pädagogen Hilfe brauchen, um neue Ausdrucksformen in der Musik und Bildenden Kunst für ihren Schulalltag fruchtbar zu machen.

Der Bedarf ist groß. Erstmals gibt es in Deutschland Fortbildungskurse in Jazz- und Rockmusik, weil die damaligen Musiklehrer sich nur im Feld der klassischen Musik auskannten. Die Neuheiten von damals sind die Klassiker von heute. Nach und nach erweitert die Akademie Remscheid ihr Angebot für Pädagogen, Jugendsozialarbeiter und Kindergärtnerinnen. Sie reagiert klug auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. So lag es in der Logik der Zeit, dass zum kulturellen Bildungskonzept neben den darstellenden Künsten wie Theater, Musik und Tanz auch der Computer und das Spiel notwendig dazugehören. Die Dozenten der Akademie reagieren zwar auf neue Entwicklungen, aber stellen sich gegen den Trend, dass sich alles kurzfristig rechnen muss. Bildung braucht schließlich Zeit, da kann man nicht nach der Devise "Ex und hopp" verfahren. Nach dem Pisa-Schock zum Beispiel stellten die Schulen auf Ganztagsbetrieb um. Um aber ein vernünftiges Angebot am Nachmittag anbieten zu können, brauchen Lehrer eine neue Qualifizierung. Die bietet die Akademie an.

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Kulturelle Bildung beginnt bereits im Kleinkindalter. Entdecken, gestalten, verstehen - zu diesen drei Stufen entwickelt der Kulturpädagoge und stellvertretende Leiter Ulrich Baer eine Box voller praktischer Ideen, die den Erzieherinnen helfen, die ganzheitliche Frühförderung der kulturellen Intelligenz der Kinder zu unterstützen.

Auf Tetzner (1968 bis 1987) folgte Professor Max Fuchs als Direktor. Der Mathematiker und sein Dozententeam haben die Arbeit an der Akademie professionalisiert. Es gibt einerseits die verschiedenen Kurse in Tanz, Theater, Kunst, Literatur und Neue Medien. Andererseits entstand eine wissenschaftliche Reflexion über die bildenden Dimensionen der einzelnen Angebote. Daraus erwuchs allmählich ein fundiertes Reservoir an Argumentationslinien für den Diskurs mit der Politik und den Geldgebern. Sie müssen überzeugt werden, warum es wichtig ist, in die Ausbildung von Erzieherinnen oder in jugendkulturelle Institutionen zu investieren. "Aus halben Portionen ganze Persönlichkeiten bilden" - so hieß ein Motto. Kulturelle Bildung ist eine spezielle Form der Allgemeinbildung. Sie will vor allem junge Menschen in die Lage versetzen, ihr Leben produktiv zu gestalten. Mit Hilfe von Kompetenzen und der Kunst. Ohne kulturelle Bildung kann niemand das werden, was er ist.

Professorin Susanne Keuchel, seit 2013 Direktorin, setzt den Weg von Fuchs fort und greift neue Themen auf. Die Akademie möchte zum Beispiel dazu beitragen, kulturelle Vielfalt (Stichwort: Diversität) positiv begreifbar zu machen. Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an Bildungsprozessen steht als großes Anliegen im Leitbild. Alles Aufgaben, mit denen die Akademie die nächsten 60 Jahre ausreichend beschäftigt sein wird.

(RP)