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Coronavirus in Remscheid: Stadt will überforderten Familien helfen

Corona-Krise in Remscheid : Stadt will überforderten Familien helfen

Um Eskalationen in den häuslichen vier Wänden zu vermeiden, werden zusätzliche Betreuungsplätze zur Verfügung gestellt.

Mit Unsicherheiten können Menschen nur schwer umgehen, sagt Dr. Jana Schrage, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle. Zurzeit leben alle Menschen in großer Unsicherheit. Von morgens bis abends. Diese Spannungen setzen vor allem Familien zusätzlich unter Druck, die schon immer aus den unterschiedlichsten Gründen am Rande der Überforderung leben. Daher hat sich das Jugendamt der Stadt dafür entschieden, solchen Familien einen Betreuungsplatz für ihre Kinder während der Corona-Krise anzubieten, wenn die häusliche Situation nicht mehr tragbar sei.

Seit Montag nehmen die Mitarbeiter des Jugendamtes entsprechende Anfragen entgegen. „Wir stehen in engem Kontakt mit den uns bekannten Familien“, sagt Egbert Willecke, Leiter des Fachdienstes Jugend. Aber auch Lehrkräfte von Schulen und die Mitarbeiterinnen der Kindertagesstätten erkundigen sich nach dem Befinden von Müttern, Vätern und Kindern, bei denen vielleicht absehbar ist, dass sie Unterstützung brauchen. „Wir wollen mit diesem Angebot für Entlastung sorgen“, sagt Willecke. Eskalationen innerhalb der Familien sollen verhindert werden.

In der Corona-Krisenzeit hält die Stadt ein Betreuungsangebot für Kinder aufrecht, deren Eltern in sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten. Dazu zählen vor allem Kinder von Krankenschwestern, Pflegerinnen, Polizistinnen und Ärztinnen. Insgesamt betreuen die Mitarbeiter der 30 Kindertagesstätten zwischen 60 und 110 Kinder am Tag. Die Zahlen variieren. Es gibt Willecke zufolge Einrichtungen, in denen auch nur ein Kind zum Spielen kommt. Meist beträgt die Gruppenstärke zwischen vier und fünf Kindern. Es wäre logistisch kein Problem, weitere Kinder aus besonders belasteten Familien aufzunehmen, sagt Willecke. So erhalten vor allem Kinder aus prekären Verhältnissen Hilfe, indem sie wieder mit ihren gewohnten sozialen Kontakten besser durch die Ausnahmezeit kommen.

Die Mitarbeiter der Jugendhilfe nehmen über Telefon und Skype Kontakt auf, um sich ein Bild von der familiären Situation zu machen. Ein Spaziergang mit dem gebotenen Abstand gibt es ebenfalls im Repertoire der Jugendhilfe. Willecke weiß auch um die finanzielle Not mancher alleinerziehenden Mutter. Bisher bekommen die Kinder Frühstück und Mittagessen in der Kindertagesstätte. Nun muss die Mutter selber kochen. Doch als Empfängerin von Transferleistungen reicht das Geld manchmal nicht für die Mahlzeiten. „Wir haben das Problem im Blick“, sagt Willecke.

Aus Sicht von Jana Schrage stehen alle Familien in Remscheid vor Herausforderungen. Es sei für ein einigermaßen geregeltes Leben sehr wichtig, dass es immer eine gute Tagesstruktur gebe. Dazu zählen zum Beispiel die Verabredungen zu gemeinsamen Mahlzeiten. Bis 16 Uhr im Schlafanzug herumzulaufen, davon rät die Psychologin ab.

Familien müssen auch neue Vereinbarungen treffen für das ungewohnte Zusammenleben. Zum Beispiel, wer zu welcher Zeit ins Internet darf? Wenn die Mutter im Homeoffice arbeitet, dann wackelt die Leitung schnell, wenn die Kinder zur selben Zeit auf ihrem Handy Filme sehen.

Im Corona-Alltag müssten sich Zeiten der Arbeit und der Freizeit abbilden. „Wichtig ist, dass sich keiner überlastet und so lebt, als wäre alles normal“, sagt Schrage. Das gilt besonders für die Bewältigung der Aufgaben für die Schule. Schrages Devise: Es geht, was geht. Und was nicht geht, geht eben nicht. Das sei von Familie zu Familie sehr unterschiedlich.

Solche Ausnahmesituationen können auch wie eine Lupe wirken, unter der nun Konflikte aufbrechen, die schon immer im Hintergrund schwelen, sagt Willecke. Wenn die Kinder irgendwann einmal wieder geregelt die Kindergärten und die Schulen besuchen, werde es sicher noch bei vielen Redebedarf darüber geben, was zu Corona-Zeiten gut und was schlecht in der Familie gelaufen sei. Der Ausnahmezustand wird Spuren hinterlassen.