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Corona-Virus in Remscheid: Schach-Talente im Wartestand

Corona-Virus in Remscheid : Schach-Talente im Wartestand

Schachspielen ist in Pandemie-Zeiten nur bedingt möglich. Viele Trainingsstunden und Wettbewerbe fallen aus. Die junge Schach-Szene könnte kollabieren.

Holger Freiknecht kann nicht sagen, wie viele junge Menschen er als Trainer dazu gebracht hat, ihre Passion für Schach zu entdecken. Doch er kann sagen, dass all die Jahre, die er in Remscheid in die Nachwuchsarbeit gesteckt hat, nicht umsonst sind: Etliche Landesqualifikanten brachte er an die Bretter – sowohl als klassische Turnierspieler als auch bei Schulschach-Meisterschaften.

Zudem gab es kein Remscheider Gymnasium, an dem Freiknecht nicht als Schach-Lehrer in einer AG im Einsatz war. Jahrelang lief es rund – „bis Corona kam und alles kollabierte“, bilanziert der rührige Mann aus dem Südbezirk, der bis März nebenher noch als Verbandsliga-Spieler beim SW Remscheid punktete. Freiknecht verrät nicht, was es für ihn bedeutet, die vielen talentierten Zöglinge seit dem Ausbruch der Pandemie nicht mehr trainieren zu können. Ihn beschäftige vielmehr, „dass diese Talente vermutlich auf der Strecke bleiben werden und die junge Schach-Szene in der Stadt kollabieren wird, bevor es einen wirksamen Impfstoff gibt.“ Das liege auch an seinen eigenen gescheiterten Versuchen, das Jugendtraining für die beiden Remscheider Schachvereine online aufrechtzuerhalten.

Eine ungute Erfahrung sei das gewesen, gibt er zu. Denn er habe feststellen müssen, „dass viele Kinder und Jugendliche das Training auf einer Schach-Plattform offenbar mit einem YouTube-Kanal verwechseln“. Zu oft habe er daheim in seinem Büro gesessen und vergeblich darauf gewartet, „dass die jungen Leute zur vereinbarten Zeit auf dem Server erscheinen“. Und dann habe es noch diejenigen Jugendlichen gegeben, „die sich von Anfang an komplett geweigert haben, überhaupt online Schach zu trainieren“.

So sei das etwa bei seiner langjährigen Schülerin Daria Herbertz gewesen: „Sie hätte in den Osterferien eigentlich eine Woche lang in einer Jugendherberge nahe der holländischen Grenze darum gekämpft, sich in der Altersklasse U 16 für die Deutsche Meisterschaft zu qualifizieren.“ Vermutlich wäre ihr das wegen der starken Konkurrenz in dieser Altersgruppe nicht gelungen. „Doch es wäre ein exzellentes analoges Training gewesen.“ Diese Gelegenheit habe sie nun unwiederbringlich verpasst, ebenso wie die zweite NRW-Qualifikantin Diya Dhanasekaran Meenambigai, die als Nachwuchstalent in der U 10 angetreten wäre. „Beide Mädchen hatte es total enttäuscht, scheinbar umsonst für die Landesqualifikation gekämpft zu haben. Darum freuten sie sich sehr, als im August eine Einladung zu einem eintägigen Schnellschach-Turnier als Ersatz für die ausgefallene Meisterschaft kam.“

Er selbst habe sich da weniger gefreut, „obwohl die NRW-Schachjugend diese eintägige Ersatz-Meisterschaft sogar an analogen Brettern unter Einhaltung von Hygienevorschriften austragen ließ“. In seinen Augen sei das dennoch kein Ersatz für richtiges Turnierschach gewesen: „Das liegt in der Natur von Schnellschach-Turnieren. Hier ist es das Ziel, den Gegner in kurzer Zeit möglichst stark zu verwirren.“ So etwas könne man nicht mit echten Schach-Partien vergleichen, „in denen richtige Züge gemacht werden“. Das gelte auch für Digital-Schach, „wo man nicht einmal zu 100 Prozent weiß, wer da am anderen Ende des Servers sitzt“. Und selbst, wenn der Gegner ehrlich sei, „bleibt Online-Schach ein eingeschränktes Vergnügen“.

Zu tun habe das mit den vielen Internet-Ausfällen. Problematisch sei ferner, „dass vielen Leuten weiter die nötige digitale Infrastruktur fehlt, um sekundenschnell Züge im Netz zu machen“. Eindeutig ein Manko bei einer Sportart, „in der auf Zeit gespielt wird“. Und dann sei da noch der aus seiner Sicht bedeutsamste Aspekt: „Man kann die einzigartige Atmosphäre in einem Schachlokal und die Stimmung am Brett niemals durch einen Computer ersetzen.“ Nur beim analogen Schach entstehe „diese ganz spezielle Spannung“. Ebenso wenig könne man „den Spaß, den es bedeutet, Figuren in die Hand zu nehmen und über ein Brett zu ziehen“, durch Klicks ersetzen. Ohne diesen Spaß sei es Trainern „auf Dauer kaum möglich, Kinder und Jugendliche bei der Stange zu halten“.

Auch er habe da schon „ein Stück weit resigniert“ und unterrichte nur noch diejenigen Schüler digital, „die das unbedingt wollen“. Ansonsten hoffe er, „dass es beiden Remscheider Schachvereinen bald gelingt, Konzepte zu finden, mit denen sich die örtliche Schach-Szene wiederbeleben lässt“. Das hoffe er auch mit Blick auf die Schach-AGs in den Schulen. Einen Lichtblick gebe es bereits: „In den Herbstferien werde ich mich mit den gymnasialen Schulleitern zusammensetzen und besprechen, wie es weitergeht.“