Britta Frede: „Wir glauben weiter an das Buch“

Buchhandel in Remscheid : „Wir glauben weiter an das Buch“

Die Lenneper Buchhändlerin spricht über den Literaturnobelpreis, Internethandel und die Wünsche der Kunden.

Die Buchbranche befindet sich in einer kritischen Situation. Eine Studie sagt, dass der Buchhandel in den letzten fünf Jahren sechs Millionen Kunden verloren hat. Aber weniger Leser kaufen mehr Bücher. Ist das auch Ihre Beobachtung vor Ort in Lennep ?

FREDE Ich würde das bestätigen. Das Thema Belletristik wird immer ein bisschen weniger. Wir greifen aber immer wieder neue Trends auf, um das zu kompensieren.

Zum Beispiel?

FREDE Zum Beispiel das Tonie-Hörfigursystem, das zwei Düsseldorfer vor drei Jahren erfunden haben. So kompensieren wir immer wieder Schwächen in anderen Bereichen. Ich habe auch das Gefühl, dass weniger gelesen wird. Die Argumentation der Studie ist mir nachvollziehbar. Das ganze digitale Leben lässt weniger Zeit zum Lesen. Ich beobachte inzwischen allerdings häufiger, dass jüngere Menschen kommen und sagen: „Ich muss entschleunigen“. Ich möchte nicht nur in einer digitalen Welt leben. Ich möchte mich in den Garten setzen und ein Buch in der Hand haben.

Wird der Handel die Krise überleben?

FREDE Was haben wir schon alles mitgemacht? Die Internetbuchhändler überleben wir. Natürlich haben dadurch einige Buchhandlungen dicht gemacht. Aber seit 15 Jahren leben wir mit dem Internetbuchhandel. Die nächste Katastrophe, die drohte, war das E-Book. All diese Sachen pendeln sich immer wieder auf ein bestimmtes Niveau ein. Und die Leute kommen und sagen: „Ich muss mal wieder ein Buch in der Hand haben“. Ich bin immer noch zuversichtlich. Und würden wir an das Buch und den Standort Lennep nicht glauben, hätten wir unseren Laden nicht im vorigen Jahr renoviert.

Brauchen die Kunden, die zu Ihnen kommen, mehr Empfehlungen ? Oder wissen die, was sie wollen ?

Frede Das ist halbe-halbe. Es gibt sehr gut informierte Kunden, die ganz gezielt fragen. Und es gibt Kunden, die auf unser Urteil bauen, weil sie uns kennen. Das ist das Schöne an einer kleinen Buchhandlung. Man kann jeden zweiten Kunden mit Namen ansprechen.

Ist die persönliche Beratung ist das A und O?

Frede Das ist die eine Seite. Aber viele Kunden haben sich informiert, aber das Buch nicht im Netz bestellt. Insgesamt sind Kunden informierter, als sie es früher waren. Dadurch nehmen sie uns auch viel Arbeit im Vorfeld ab.

Welche Multiplikatoren in den Medien sind wichtig für den Verkauf?

Frede: Sehr wichtig ist Bettina Böttinger im Kölner Treff. Die hat immer Leute da, die ein Buch geschrieben haben.

Spielt das literarische Quartett eine Rolle?

Frede Nur noch wenig. Die Zeiten sind lange vorbei. Ganz wichtig waren früher auch die Tipps von Christine Westermann im WDR und von Elke Heidenreich. Seitdem die beiden es nicht mehr machen, spielen die Nachfolge-Sendungen keine Rolle mehr. Diesen beiden Persönlichkeiten wird vertraut. Die besprechen auch mal Bücher, wo ich sage, um Gottes willen.

Haben Sie als Buchhändlerin die Verleihung des Literaturnobelpreises in diesem Jahr vermisst?

FREDE Ja, das finde ich schon schade. Das ist eine Institution. Da waren in den letzten Jahren tolle Leute bei. Alice Munroe, die es geschafft hat, den Menschen zu zeigen, dass Kurzgeschichten sehr schön sein können und eine feine Sache sind. Ishiguro im vorigen Jahr, den fand ich absolut verdient. Mit Bob Dylan war ich nicht einverstanden. Wir schätzen Bob Dylan. Aber bei der Verleihung sagt der Buchhändler dann: Ach, schade.

Ist der Deutsche Buchpreis fürs Geschäft der Buchhändler ein wichtiger Preis ?

FREDE Der hat sich relativ gut etabliert. Die Leute passen schon auf, und er bekommt im Heute-Journal ein schönes Forum. Das diesjährige Preisträgerbuch, Inger-Maria Mahlkes Familienroman „Archipel“, spielt auf Teneriffa. Da greifen viele wahrscheinlich zu, weil sie die Insel kennen. Wobei ich nicht sicher bin, ob es ihnen gefallen wird. Da bin ich ganz ehrlich.

Kaufen mehr Frauen oder mehr Männer Bücher?

Frede Schon immer Frauen. Frauen kaufen mehr Taschenbücher, weil sie viel lesen. Männer sagen, der neue Adler Olsen ist da, da gebe ich gerne zehn Euro mehr aus.

Ist der typische Kunde bei Ihnen 50plus?

Frede Eher 40plus. Die 20er und 30er Jahrgänge fehlen ein bisschen, weil die gerade studieren, Karriere planen und eine Familie gründen. Wir forcieren aber auch sehr das Jugendbuch mit Veranstaltungen, die sehr gut besucht sind. Die jungen Leute kommen freiwillig zu uns für zwei Stunden. Sie hören, was empfohlen wird und empfehlen auch selber etwas. Wir denken, der Grundstock muss früh gelegt werden.

Sie bieten auch Abende an, bei denen Leser Lesern etwas empfehlen. Ist das erfolgreich?

Frede Ich brauche dafür absolut keine Werbung zu machen. Ende des Jahres legen wir die vier Termine für Erwachsene fest. Mitte November ist der nächste Lieblingsbuchabend. Der ist schon halb voll. Das ist eine schön Mischung, bei denen Kundinnen und Buchhändler etwas vorstellen. Alle geben sich sehr viel Mühe.

Auorenlesungen sind eher selten?

Frede Das stimmt. Aber nächstes Jahre mache ich eine Lesung mit der Lenneper Autorin Dorothee Kotthaus-Haak, die ein feines Buch über die Kindheit auf dem Bauernhof geschrieben hat. Das interessiert richtig viele Leute, weil es hier in der Gegend spielt.

Und das Weihnachtsgeschäft ist für Sie das wichtigste Geschäft?

Frede Das wird es auch immer bleiben.

Welches Buch würden Sie empfehlen?

Frede Da müsste ich wissen, für wen. Im Gespräch erfrage ich, ob es etwas Leichtes sein soll, ein Krimi oder ein Sachbuch. An den Reaktionen merke ich dann, in welche Richtung es gehen soll. Ein tolles Buch für Frauen ist „Vox“ . Da geht es darum, dass Frauen in den USA nur noch 100 Worte am Tag sagen dürfen und religiöse Eiferer sich durchsetzen, um das Patriachat wieder auferstehen lassen. Sehr mitreißend.