Ballett: Im Käfig der Erinnerungen

Ballett in Remscheid : Im Käfig der Erinnerungen

Vietnams erste zeigenössische Ballettkompagnie mit gehörlosen Tänzern gastierte im Teo Otto Theater.

Ohne Erinnerung zerfällt die Identität des Menschen zu einer nebulösen Masse. Der Mensch ist das, wozu ihn seine Erinnerung macht. Einen klaren und stolperfreien Weg ins Reich der Erinnerungen gibt es nicht, vor allem nicht an jenen Ort des Schmerzes, der hinter einer Mauer der Verdrängung ruht.

Ein Kubus aus weißen Stäben thront am hinteren rechten Rand der Bühne im Teo Otto Theater. Dort schlummern die Zeugen der Vergangenheit wie in einem Schlafraum einer Jugendherberge – über- und nebeneinander. Ein Mann nähert sich zögernden Schrittes diesem Käfig der Erinnerungen. Eine magnetische Kraft schleudert ihn wieder und wieder zurück.

Die Figuren drinnen im Kubus wirken aufgeschreckt. Es herrscht stiller Alarm: leise Sprünge auf einen Gitterstab, ein Zittern der Hände, ein hastiges Armzucken. Es braucht mehrere Anläufe, bis der Mann es schafft, von oben sich Einlass zu verschaffen in diesen engen, geheimnisvollen Raum. Ein zarter Klavierton stoppt das metallische Geklirre von unzähligen Uhrzeigern, die aneinanderschlagen. Nun beginnt eine andere Zeit.

„Sight Memory“ heißt die Choreographie, die der Vietnamese Le Vu Long für sein Ensemble entworfen hat. „Erinnerungen seufzen“ lautet die Übersetzung. Seine Tänzerinnen und Tänzer tragen weiße Anzüge und weiße Handschuhe. Boten aus dem Schattenreich des Vergessens. Eine Collage aus elektronischen Klängen, Klavierimprovisationen und Klagegesang bestimmt die Atmosphäre des Abends, bei dem sich immer wieder große Löcher der Stille auftun. Le Vu Long arbeitet mit gehörlosen Tänzerinnen und Tänzern. Wenn man es nicht vorher gelesen hätte, wäre es wohl kaum aufgefallen. So funken manche Sternzeichen aus einer anderen Welt über die Bühne.

Ohne Gedächtnis zerfällt die Identität eines Volkes in ein nebulöses Etwas. Doch Kriegserinnerungen entziehen sich gerne dem kollektiven Gedächtnis. Von Tod, Folter und Vernichtung will niemand mehr etwas wissen. Der Choreograf montiert Propaganda-Material aus dem Vietnamkrieg auf eine Leinwand. Bilder der Verblendung.

Mit Schrittfolgen, die an asiatische Kampfkunst zart erinnern, schafft er ein aggressiveres Umfeld. Der Kubus der Erinnerungen trippelt über die Bühne, als wäre er auf der Flucht. Zwischendurch schiebt er sich auf leisen Rollen über die Bühne. Oder er bewegt sich wie ein großer Elefant Stab für Stab nach vorne. Die Erinnerungsträger passen sich an diese Bewegungen geschmeidig an.

So entstehen Bilder voll schmerzvoller Einsamkeit und leidvoller Gefangenschaft. Nur ab und zu gelingt der Ausbruch. Ein Mann und eine Frau suchen die Annäherung im freien Raum, können allerdings einen Grad an Fremdheit nicht überwinden. Ein Ritual beendet diesen Abend. Die weißen Handschuhe der Tänzer liegen schließlich aufgereiht nebeneinander wie in einer Grabkammer.

Vieles beeindruckt an dieser Choreographie. Es gibt aber auch Passagen, die ihren Spannungsbogen verlieren, die keine Vertiefung des Themas bieten oder neue Aspekte eröffnen. Die Zuschauer spendeten höflichen Beifall, beziehungsweise winkten den Gehörlosen zu.

Winken mit beiden Händen ist das Klatschen der Menschen ohne Gehör.

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